Geschichte

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Tausende standen an der Strecke oder warteten auf den Stationen. Zum letzten Mal dampfte ein Zug das Tal der Innerste hinauf und weiter in die Bergstadt Altenau. Hundert Jahre zuvor war die Strecke bis Clausthal-Zeller-feld eröffnet worden, jetzt nahm man Abschied.

Dem Sonderzug folgte nur noch die Gleisbaurotte, die die älteste Regelspurstrecke im Oberharz abbaute. Als 41096 am 15. und 16. Oktober 1977

über die 33,7 Kilometer lange Strecke fuhr, ruhte der Betrieb schon seit über einem Jahr. Der letzte planmäßige Zug hatte Altenau bereits am 29. Mai 1976 verlassen.

Erste Stillegungs-Gerüchte hatten 1970 im Oberharz für Unruhe gesorgt, doch die Deutsche Bundesbahn (DB) dementierte: Anfang März 1971 erklärte die Staatsbahn, sie plane nicht, den Verkehr nach Altenau einzustellen. In den fünfziger Jahren hatte sie

Ihr ursprüngliches Dementi hinderte die Bundesbahndirektion Hannover nicht, drei Jahre später die Wirtschaftlichkeit der Harzbahn zu untersuchen. Das Ergebnis gab der DB-Vertreter, Bundesbahndirektor Jünger, auf einer Bürgerversammlung der "Samtgemeinde Oberharz" in

Zeit-Geist

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Vor 20 Jahren kam der Abbauzug in den Qberharz:

Auch Demonstration und Bürgerinitiative retteten die reizvolle Innerstetal-Bahn nicht vor dem Abbruch.

der Stadthalle von Clausthal-Zellerfeld Ende April 1975 vor mehr als 500 Zuhörern bekannt: Nach den Berechnungen der Bahn verursache der Betrieb der Strecke pro Jahr einen Verlust von 2,1 Millionen Mark. Um zu überleben, müßten vier bis fünf Mal mehr Fahrgäste in den Zügen zwischen Langeisheim und Altenau sitzen. Eine "Angebotsumstellung" der 16 Züge auf den Bus sei deshalb unvermeidlich. Jünger hob die Vorteile des Kraftverkehrs besonders hervor, der weitaus flexibler sei als die Bahn. Der Bundesbahndirektor wies damit auf einen großen Wettbewerbsnachteil der Harzbahn hin. Vor allem der Bahnhof Altenau lag Abseits des Ortes, so daß die Bahnreise für die Fahrgäste mit einem langen Fußmarsch begann.

Außerdem war der Güterverkehr auf der Strecke stark zurückgegangen.

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Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte dieReichsbahn pro Jahr über 200.000 Tonnen auf der Bahnlinie befordert, der Bundesbahn blieben davon 1950 gut 145.000 Tonnen. Zwanzig Jahre spater hatte die Innerstetalbahn nur noch ein Guterauf
kommen von etwas mehr als 16.000 Tonnen, sieben Prozent der ursprünglichen Transportmenge. Der Grund für diesen Einbruch: Bergbau und Hüttenwesen, seit Jahrhunderten das wirtschaftliche Rückgrat

des Oberharzes, waren fast vollständig eingestellt.

Weil die örtlichen Politiker den Bürgern versprachen, sich für den Erhalt der Bahnlinie einzusetzen, reagierte die Bevölkerung gelassen.

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Das änderte sich erst Ende 1975, als die DB Ernst machte. Zunächst empörten sich die Oberharzer in den Leserbriefspalten der Lokalpresse, den "Öffentlichen Anzeigen". Erst als das Bundeskabinett in Bonn am 29. Januar 1976 dem Antrag der DB zustimmte, bil
dete sich eine Bürgerinitiative. Sie stellte für die Bahnlinie eigene Rentabilitätsberechnungen an und kam auf ein Defizit von einer Million Mark. Weder die Summe der DB noch die der Bürgerinitiative lassen sich heute überprüfen. Lakonisch kommentierte

das Staatsunternehmen später die Dokumentation "Harzbahn" der Bürgerinitiative:

"Wenn die Strecke täglich von so vielen Reisenden benutzt worden wäre, die heute ihre Beibehaltung fordern, hätte sich das Bundeskabinett nicht mit dieser Strecke befassen müssen." Neben der Bürgerinitiative engagierten sich zwei Gruppen aus der politischen Szene der Alt-Bundesrepublik, an die sich 1998 kaum jemand erinnert: der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) und der Kommunistischer Studentenbund (KSB). Alle drei Gruppen zusammen sorgten am letzten Betriebstag für ein denkwürdiges Ereignis im Oberharz, das dem Zeitgeist entsprach: Eine Demonstration in Clausthal-Zellerfeld mit 80 Teilnehmern.

Nachdem die Entscheidung der Bundesregierung gefallen war, begann nicht nur der Widerstand, sondern auch der lange Abschied der Eisenbahnfreunde. Die Strecke hatte seit jeher eine große Anziehungskraft ausgeübt: Auch als ihre Existenz noch gesichert schien, fuhren häufig dampfgeführte Sonderzüge in den Oberharz. Vor Personenzügen gab es dagegen nur noch selten Dampfloks zu sehen. Bereits seit Mitte der 50er Jahre waren Schienenbusse vom Typ VT 98 im Einsatz, später kamen Akku-Triebwagen hinzu.

Vor allem im April und Mai 1976 schnauften noch einmal Sonderzüge mit Dampfkraft durch den Oberharz. Doch die unwideruflich letzte Sonderfahrt blieb 41096 anderthalb Jahre später vorbehalten. Die Bundesbahndirektion Hannover hatte sie nur unter einer Bedingung genehmigt: Bei den Fahrten sollte niemand für eine Wiederaufnahme des Betriebes demonstrieren. Diese Forderung war seit der Stillegung immer wieder erhoben worden. In einem Flugblatt wiesen die Veranstalter darauf hin, daß nach dem Ende der Sonderfahrten die Bahnanlagen verkauft und die Gleise abgebaut werden sollten. Voller Sarkasmus baten sie darum, "daß die Fahrtteilnehmer alles unterlassen müssen, was gegen die Planungen der Deutschen Bundesbahn spricht, die Strecke in keiner

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Form weiter zu betreiben." Die Nervosität der DB war begründet. Während der Sonderfahrt eines Braunschweiger Museumszuges am 19. April 1976 hatte es auf dem Bahnhof Clausthal-Zellerfeld einen Zwischenfall gegeben. Als der Zug dort hielt, gab es eine Protestkundgebung der Bürgerinitiative. Am Schluß forderte der Zugführer die Demonstranten auf, ihr Transparent mit der Aufschrift "Keine Bahnstillegung - Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs" am Zug anzubringen. Dort blieb es nicht lange: "Ein offizieller Vertreter der DB ließ das Transparent von einem Bahnpolizisten abreißen, der die Papierstücke einfach auf den Boden warf", erinnert sich ein Augenzeuge an die Szene.


Die letzten Fahrten auf der Harzbahn absolvierte 41096 im flotten Radfahrertempo. Weil die Sicherungstechnik bereits ausgebaut war, galten die Touren als Rangierfahrten mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h. Auch wenn die Bahn Transparente und Parolen verboten hatte, verhinderte sie nicht, daß die Menschen in Scharen an die Strecke pilgerten. Auf diese Weise wurden die Fahrten trotzdem zu einer eindrucksvollen Demonstration für die bis heute unvergessene Innerstetal-Bahn.