THE NEW YORK TIMES, SUNDAY; OCTOBER 6, 1996
Altertümer unweit der touristischen Trampelpfade
In der Türkei locken Assos und Priene mit Agoren, Tempeln und Akropolen
Von NICHOLAS NIKASTRO
Was wogende Menschenmassen und erbarmungslose
Sonne betrifft, so ist das Zentrum Manhattans im August nichts
gegen Ephesus oder Pergamon während der touristischen
Sommersaison. Eingepfercht im Gedränge vor den Eingängen, von
der Sonne gebraten und letztendlich in Schweiß gebadet, wird der
Besucher von heute kaum die Eindrücke teilen können, die einer
der ersten Reisenden der modernen Zeit wie William Lithgow, der
anfangs des siebzehnten Jahrhunderts Ephesus besuchte und
berichtete, daß er eine einsame Ruine gefunden habe, die
"gefällig inmitten von Gärten, adretten Feldern und
grünen Olivenhainen gelegen, und von See her einen ergötzlichen
Anblick bieten."
Aber für alle, die nicht der Versuchung der leichten
Erreichbarkeit der Monumentalität (Ephesus und Pergamon)
erliegen oder wild entschlossen sind (wie für Troja), gibt es
zwei höchst attraktive Ziele, die nur etwa 30 km abseits der
Hauptstraßen der ägäischen Küstenregion der Türkei liegen:
Assos und Priene.
Meine Frau Maryanne und ich näherten uns Assos (dem heutigen
Behramkale, etwa 80 Kilometer südlich von Çanakkale) von Norden über die
kurvige, eineinhalb Fahrspuren breite Straße 17-51. Im
Spätsommer führt sie durch versengtes Land, das an die Steppe
des amerikanischen Südwestens erinnert. Nachdem man den Kamm
nördlich des Tuzla-Tales überquert hat, erscheint endlich der
blaue Schleier der Agäisküste und davor der Akropolishügel von
Assos.
Die Häuser der bewohnten Stadt liegen verstreut auf dem
Nordhang, vom Meer nicht zu sehen, aus Furcht vor den Piraten des
Mittelalters, wie gesagt wird. Als wir auf den Dorfplatz
einbogen, wurde uns von einem freundlichen Mann mittleren Alters,
der mit anderen Çay
nippenden Männern an einem Tisch saß, unverzüglich ein
Parkplatz neben dem Kaffeehaus zugewiesen. Wir sahen dies als
Geste typisch türkischer Höflichkeit an, verließen unser Auto,
daß so, zusammen mit anderen, die Straße blockierte, und
setzten uns zu ihm an den Tisch.
Nach einigen Runden Tee und etwas Unterhaltung stand der Mann
auf, zog von irgendwoher eine offiziell aussehende Mütze hervor
und setze sie sich auf seine gebräunte Glatze. Er ähnelte damit
einem uniformierten Pablo Picasso, und stellte sich sodann vor
als Hüseyin Elibol, dem örtlichen Bekçi (Wächter) der Ruinen von Assos; er
beabsichtigte, uns eine individuelle Führung durch die antike
Stadt angedeihen zu lassen.
Dies ist offenbar ein
Standardverfahren von Hüseyin Bey (Bey ist eine höfliche Anrede
und wird dem Vornamen hinzugefügt). Wenn Touristen ihn während
seiner Teepause antreffen, erlaubt er ihnen, ihm ein paar Gläser
auszugeben, um sie anschließend in beträchtlichem Tempo
hügelanwärts zu führen. Formalitäten wie
Eintrittskarten spielen keine Rolle: Er gestattet seinen Gästen
nicht nur, den Haupteingang zu vermeiden, indem sie über einen
Zaun steigen, sondern führt sie sogar hinüber.
Kurz darauf standen wir auf dem Gipfel der Akropolis, etwa 230 m
oberhalb des Meeres. Obwohl sich ein großer Teil der Fassade des
Athenatempels der Stadt im Istanbuler Museum befindet, wurden
fünf der aus dem örtlichen purpurfarbenen Andesit gemeißelten
Säulen vor kurzem wieder aufgerichtet. Sie bilden den Rahmen
für beeindruckende Ausblicke auf die geschwungene Küstenlinie
in Richtung Küçükkuyu und
auf die Insel Lesbos, die im schimmernden Schleier dreizehn
Kilometer vor der Küste schwebt.
Während wir die Aussicht bewunderten, zitierte Hüseyin Bey
Höhenangaben, historische Einwohnerzahlen und weitere Daten. Als
sich ein weiteres Paar uns anschloß, wiederholte er alles auf
deutsch und richtete dann unsere Aufmerksamkeit auf den antiken
Hafen unten, in dem die Apostel Paulus und Lukas einen Frachter
nach Mytilene bestiegen. Weiter rechts, nahe dem guterhaltenen
Westtor, zeigte er uns die Stelle, wo das Gymnasium war, in dem
Aristoteles drei Jahre lang Unterricht abhielt, bevor er sich
seiner nächsten Tätigkeit als Tutor des jungen makedonischen
Prinzen Alexander zuwandte.
Da es durch starke Stadtmauern geschützt war, mußte sich das
antike Assos nicht vor dem Meer verstecken. Es fällt zum Wasser
hin ab wie eine über eine breite Treppe ausgebreitete Schürze,
nur an den steilen Klippen oberhalb des Hafens innehaltend.
Auf der ersten Stufe sind noch die Umrisse der antiken Agora (dem
sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mittelpunkt der Stadt)
zu sehen. Wir gingen die Agora entlang und betrachteten die
Löcher für die Dachbalken, die ebenmäßig wie von Zähnen in
die Lava des Hügels gebissen erschienen. Ein einsamer Feigenbaum
wächst dort. Als die von Band kommende Stimme des Muezzins von
der Moschee weit oben schwach herüberwehte, taten wir uns an
einigen Feigen gütlich und beobachteten, wie die Sonne in den
Horizont tauchte, während in Lesbos allmählich die Lichter
angingen.
Das antike Theater befindet sich in beeindruckender Lage und nur
teilweise ausgegraben auf der nächstunteren Stufe. Wenn man
Assos besucht, wird man sich nicht nur einer nicht mehr
bestehenden Gesellschaft bewußt, sondern macht auch die
Erfahrung, daß es eine besonders privilegierte gewesen sein
muß. Die Bevölkerung von etwa 5000 muß eine Art Keckheit
besessen haben, wenn sie in einer so gewaltigen Stadt in solch
prunkvoller Lage wohnte - einer Keckheit, ohne Zweifel geboren
aus dem griechischen Streben nach städtischen Leben, und aus der
Überzeugung, daß daran teilzuhaben der Gipfel der Zivilisation
sei. Vielleicht ist es kein Zufall, daß Aristoteles in seiner
Politik Plato darin zustimmte, daß die ideale Stadt
etwa die Größe von Assos haben sollte. Im modernen Amerika
würde eine Gemeinschaft dieser Größe kaum über ein Postamt
verfügen.
Obwohl Assos etliche Gäste aus Europa empfängt, wirkt es Mitte
September verlassen. Da es über die Maßen Meer,
Sehenswürdigkeiten, Geschichte, vielfältiges gutes Essen und
preiswerte Unterkünfte direkt am Hafen bietet, drängt sich die
Vermutung auf, daß es nur eines breiteren Asphaltbandes von Çanakkale bedürfte, um von
Touristen überrannt zu werden.
Nach einem Spießrutenlaufen durch eine Anzahl Kinder, die lokale
Häkelarbeiten anboten, kehrten wir wieder zum selben Tisch im
Teegarten zurück. Während er teeschlürfend, nicht nippend,
seine dunklen Augen starr auf eine Stelle vor sich richtete,
erzählte er uns mehr aus der Geschichte - wie sein Großvater
während des traumatischen griechisch-türkischen
Bevölkerungsaustausches in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts
von Lesbos emigrierte, wie er in dieser kleinen Stadt geboren
wurde, aufwuchs und sein gesamtes Leben dort verbrachte.
Janusgleich präsentieren Assos und Hüseyin Bey der Welt zwei
Gesichter, eines nach Süden blickend, in die ferne
Vergangenheit, das andere nach Norden gewandt, durch den Dunst
ausspähend, um zu sehen, wer vom Tal emporsteigt und Liras und
Enthusiasmus mitbringt.
Aus dem Amerikanischen, mit freundlicher
Genehmigung des Autors
Bert Genzink