Thomas Mann: Der Tod in Venedig


1. Struktur

Die Novelle von Thomas Mann ist in fünf Kapitel unterteilt. Sie tragen keine Titel. Die Kapitel sind inhaltlich klar voneinander
getrennt. So beinhaltet das erste die Begegnung mit einem Fremden, der in Aschenbach eine unwiderrufliche Reiselust auslöst,
während das zweite einen Überblick über Aschenbachs Leben und sein Werk verschafft. Die Reise nach Venedig und der
überstürzte Abreiseversuch sind der Inhalt im dritten. Im vierten Kapitel wird die literarische Produktion und der Wandel in
Aschenbachs Arbeitsweise durch den Anblick des Schönen hervorgerufen. Gegen Ende des Kapitels erkennt der Dichter, dass
er den Jüngling liebt. Im letzten Kapitel sind die letzten Tage von Aschenbachs Leben beschrieben.

Auffallend ist, dass Venedig erst im fünften und letzten Kapitel im Detail beschrieben wird. Bevor die Choleraepidemie
ausgebrochen und verbreitet ist, dominieren die Beschreibungen des Lidos.

Ich finde der Aufbau des Buches sehr passend und konsequent. Die Beschreibung Aschenbachs Leben dürfte nicht schon im
ersten Kapitel stehen, denn der Leser ist nicht an einer Biographie interessiert, deren Person er gar nicht kennt. Das zweite
Kapitel ist auch notwendig für die Verständigung der Novelle und zur nachfolgenden Interpretation.
 
 

2. Sprache

Die Sprache von Thomas Mann in “Tod in Venedig" ist durch auffallend viele eingeschobene Nebensätze geprägt. Diese
Einschübe helfen dem Schriftsteller in einem Satz sehr viel und dichte Information zu vermitteln. Dadurch werden die Sätze
äusserst komplex, lang und der Satzaufbau kompliziert, was das Textverständnis nicht gerade vereinfacht. Ein weiterer Effekt
dieser Nebensätze ist, dass sie dem Leser ein äusserst genaues Bild der Umgebung verschaffen oder die Handlung präzisieren.
Um dieses extreme Verhältnis zwischen Haupt- und Nebensatz in Zahlen aufzuzeigen, zitiere ich aus dem
Thomas-Mann-Handbuch (Seite 856, siehe auch '5. Quellenangabe'): “[...] Hauptsatz - Nebensatz 100:210, im Extremfall
sogar 5:17."

Seine Ausdrücke sind in jeder Situation sehr treffend, was sich auf eine äusserst vielfältige und abwechslungsreiche Wortwahl
niederschlägt. Oft verwendet er auch Synonyme, um die Aussage hervorzuheben. Dasselbe gilt für die vielen Adjektive, die
Thomas Mann gezielt einsetzt.

Zusammengefasst finde ich das Sprachniveau sehr hoch, die Wortwahl äusserst abwechslungsreich und (wie das ganze Buch)
ansprechend.

Die Novelle wird auf der 'Er-Sicht' erzählt, wobei der Leser Aschenbachs Gedankengänge und Träume bis auf das letzte
Kapitel klar miterlebt. Die Wortwahl ist immer der Situation angepasst: Begegnet der Schriftsteller einem Fremden, so wirkt
die Sprache schleppend und es werden unauffällig Wörter mit negativer Bedeutung gebraucht. “Nötigte" (37) man ihn auf dem
Schiff nach Venedig den Speisesaal zu betreten, so “meldete" ihm im Hotel ein Kellner “auf englisch, dass die Mahlzeit bereit
sei" (52). Erblickt der Dichter hingegen Tadzio, so wechselt die Sprache in einen ganz sanften und lieblichen Ton. Als sich
Aschenbachs Leben dem Tode neigt, werden die Vorgänge im Deutschen nicht mehr klar dargestellt. Die Sprache ist nur noch
spürend, es werden von Aschenbach nur noch Gesundheitszustände und Wahrnehmungen vermittelt. Die Umwelt wird nicht
mehr so genau beschrieben. Dadurch wird eine Unsicherheit und die Nähe des Lebensabends ausgedruckt.
 
 

3. Interpretationn

Anmerkung: Die Seitenzahlen bei Zitaten beziehen sich auf die ungekürzte Taschenbuchausgabe vom Fischerverlag (1992).

Der Dichter Gustav Aschenbach befindet sich zu Beginn der Geschichte in einer grösseren Schaffenskrise. Er kann sich mit dem
“entnervenden, sich täglich erneuernden Kampf" (Seite 16), den seine Kunst für ihn bedeutet, nicht mehr zurechtfinden. Die
sonst immer vorhandene nötige Kraft und Konzentration fürs Schreiben ist nicht mehr vorhanden. Als er auf einem Spaziergang
auf einen Mann trifft, welcher wie ein Reisender gekleidet ist , empfindet Aschenbach ein tiefes Verlangen in die Ferne zu
reisen. Doch wie schon früher verdrängt er diese Gefühle, denn er hat Angst, dass er schon an sein Lebensende gelangt, bevor
er seine Arbeit zu Ende gebracht hat. Trotz seines Widerstandes kann er diese Reiselust nicht vollständig vergessen, so dass er
entgegen seinem Verstand nach und nach Interesse daran findet. Schliesslich kann der Schriftsteller seine schon früher
unterdrückten Gefühle nicht mehr länger verdrängen: “Und so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei,
Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer erträglich und ergiebig werde." (18) Gustav Aschenbach hatte in seiner
Krise sicherlich schon mehrere Male diese Gedanken und diese Sehnsucht nach etwas Neuem, machte diese jedoch mit seinen
streng rationalen Überlegungen wieder zunichte. Für ihn besteht eine Pflicht gegenüber sich selbst, zuerst seine Arbeit
auszuführen und sich erst danach anderen Dingen zu widmen. Doch der Fremde mit dem Ausdruck eines Reisenden bringt im
Dichter einen diesmal unaufhaltbaren Stein ins Rollen, in welchem all seine Wünsche und unterdrückten Gefühle miteinander
zum Vorschein kommen, so dass dieser innige Wunsch nach Ferne viel stärker als seine eigentliche Grundhaltung in dieser
Beziehung wird. Der Künstler realisiert auch den Grund für diese innigen Gefühle: “... diese Sehnsucht ins Ferne und Neue,
diese Begierde nach Befreiung, Entbürdung und Vergessen, - der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstätte eines
starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes." (16).

Dass Aschenbach ebenfalls der Ort und nicht nur die Ferne eine Rolle spielt, zeigt sich in seinem nur kurzen Aufenthalt auf der
Adriainsel. Obwohl er “das Fremdartige und Bezugslose, welches jedoch rasch zu erreichen wäre." (31) sucht, so hat er
unbewusste konkrete Vorstellungen seines Ferienortes. Gustav Aschenbach kann sich nicht einfach mit Ferne begnügen, er
sucht eine bestimmte Ferne, welche er in Venedig zu finden hofft.

Während der Überfahrt nach Venedig stört er sich an einem alten Mann , der sich geschminkt und verkleidet hat, so dass er
auf den ersten Blick wie ein Fünfundzwanzigjähriger aussieht. Dieser “greise Geck" (37) widert ihn aufs gröbste an und er
fragt sich, ob die jungen anwesenden Reisenden diese Verkleidung nicht durchschauen. Kurz vor Ende der Schiffsreise ist der
alte Mann kläglich betrunken und wünscht Gustav “den glücklichsten Aufenthalt" (41), worauf sich Aschenbach von Neuem
empört. Die künstliche Verjüngung mit der Schminke und der Perücke ekelt ihn an. So bezeichnet der Schriftsteller den Geck
als einen “schauderhaften Alten" (40). Genau diese Empfindung wandelt sich jedoch beim verlassen des Schiffes in eine
sonderbare Zuneigung. Näheres über diese Wende wird in diesem Kapitel nicht zum Ausdruck gebracht. Erst im fünften
Kapitel lassen sich diese Gedanken wieder finden, als sie bei der ebenfalls künstlichen Verjüngung Aschenbachs zum Vorschein
treten. Anstatt einer Perücke lässt er sich seine grauen Haare schwarz färben und “... sah im Glase seine Brauen sich
entschiedener und ebenmässiger wölben, den Schnitt seiner Augen sich verlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung
des Lides sich heben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weich aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen,
seine Lippen, blutarm soeben noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die Runzeln der Augen
unter Crème und Jugendhauch verschwinden, - erblickte mit Herzklopfen einen blühenden Jüngling." (130) Aschenbach
verändert sein Aussehen mit denselben Mitteln, welche ihn während der Überfahrt angewidert haben.

Nach dem Besuch beim Coiffeur fallen zwei weitere, sicherlich nicht zufällige, Gemeinsamkeiten zwischen dem Dichter und dem
Geck auf: Aschenbach trägt eine rote Krawatte und einen “breitschattender Strohhut mir einem mehrfarbigen Bande
umwunden" (131), während der alte Mann “in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter Krawatte" (34)
gekleidet ist und einen “farbig umwundenen Strohhut" (35) trägt. Der Schriftsteller verjüngt sich also nicht nur auf dieselbe
Weise, er trägt auch dieselbe Krawatte und einen Strohhut mit einem farbigen Band. Der Hut und der hellgelbe Sommeranzug
ist erst beim genauen Studium der verschiedenen Personen unter anderem beim Reisenden wieder anzutreffen: “Einen gelblichen
Gurtanzug aus Lodenstoff" (12) “der breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem Aussehen ein
Gepräge des Fremdländischen und Weitherkommenden verlieh." (11). Der Reisende erhält neben dem Hut und dem gelben
Kleid noch die Prägung eines Fremden, genau so wie der Gondolier, welcher Aschenbach anstatt zum Stadtteil San Marco
direkt zum Lido fährt: Neben “einer gelben Schärpe und einem formlosen Strohhut, dessen Geflecht sich aufzulösen begann"
(43) lassen ihn aufgrund seiner “Gesichtsbildung, seinem blonden, lockigen Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase [...]
durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen." (43). Ebenso der Guitarrist der Strassensänger: “Er schien nicht
venezianischen Schlages, vielmehr von der Rasse der neapolitanischen Komiker." (112) Der Guitarrist, der Gondolier und
der Reisende werden allesamt als Fremde bezeichnet, Sinnbild für das Ungewisse und das Negative. Ein Fremder ist nicht
vertrauenerweckend, man wird misstrauisch, so wie Aschenbach während der Fahrt mit dem Gondolier. Der Steuermann ist
ihm vollkommen überlegen, obwohl sich der Schriftsteller wehrt und ihm droht, dass er nicht zahlen werde.

Ebenfalls fremd sind der Matrose, “ein ziegenbärtiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen Zirkusdirektors" (33),
und der greise Geck, der sich inmitten einer Gruppe Jugendlicher aufhält. Beide Personen sind der Beschreibung nach nicht am
passenden Ort, das heisst sie sind fremd am Platz.

Nach der Dampfschifffahrt und der Begegnung mit dem greisen Geck, besteigt Aschenbach eine venezianische Gondel, um zum
Stadtteil San Marco zu gelangen. Das “seltsame Fahrzeug" ist “so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge
sind" (42). Mit dem weiteren Geschehen der Novelle verglichen besteigt Aschenbach wirklich seinen eigenen Sarg. In der
Gondel wünscht er sich: “Die Fahrt wird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen!" (42). Im übertragenen Sinne kann
dies folgendermassen formuliert werden: “Möge die Gondel meine ewige Bleibe sein. Möge meine Reise unendlich sein. Hier ist
der Ort, an dem ich meinen Lebensabend verbringen will." Tatsächlich dauert die Fahrt etwas länger als angenommen, denn der
Gondolier fährt Aschenbach anstatt wie gewünscht nach San Marco zum Lido, wo sich Gustavs Hotel befindet. Aschenbach
will dies jedoch auf keinen Fall, kann sich jedoch beim ersten Widerstand nicht durchsetzen. Nach einer kurzen Zeit der
Resignation rafft sich Aschenbach noch einmal auf, denn sein Pflichtgefühl und sein Stolz drängen ihn und so fragt er, was der
Ortskundige für die Fahrt fordere. Die unangemessene und freche Antwort des Gondoliers lautet: “Sie werden bezahlen." (45).
Dem Gondolier wird der Schriftsteller schliesslich nichts bezahlen. Die Antwort beinhaltet doch ihre Wahrheit: Schlussendlich
bezahlt Aschenbach mit seinem Leben und wird Venedig nie mehr verlassen.

In der Aufenthaltshalle seines Hotels sticht ihm zum ersten Mal Tadzio ins Auge: “... ein langhaariger Knabe von vielleicht
vierzehn Jahren. Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war." (50). Das kindliche und “die
reinste Vollendung der Form" (50) des Gesichtes von Tadzio beeindrucken, ja erschrecken ihn. Er geniesst ohne aufzufallen
jeden Blick, den er vom “Haupt des Eros" (57) erhaschen kann. Der Einfluss dieser Macht erkennt nur der Leser. Die
Beziehung des Schriftstellers zu diesem schönen Knaben ist für Aschenbach die des Künstlers zum schönen Gegenstand oder
des Vaters zum Sohn, denn nur “eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung dessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne
zeugt, zu dem, der die Schönheit hat, erfüllte und bewegte ein Herz." (65). Er fühlt sich an diesem Ort äusserst wohl und
beschliesst so lange in Venedig zu bleiben wie Tadzio bleibt. Dass er Venedig wegen Tadzio nicht mehr verlassen kann, erkennt
Aschenbach erst auf der Rückreise von seinem überstürzten Abreiseversuch.

Bis zu dieser missglückten Abreise bewundert er Tadzios Schönheit im Hotel und am Strand. Aschenbach ist sehr glücklich und
befreit von all seinen Sorgen und seiner Schaffenskrise, was jedoch nicht heisst, dass er wieder zu schreiben beginnt. “Er war
erheitert und erschüttert zugleich, das heisst: beglückt." (61) Der Dichter versucht unauffällig und ohne nachzuspionieren mehr
über diesen Jungen herauszufinden, angefangen bei seinem Namen. Aschenbach ist nur erfreut über die Schönheit Tadzios und
hat keinerlei Hintergedanken. Stellvertretend für Aschenbachs Gefühle können folgende Textstellen zitiert werden: “Aber sein
Name war es, der am öftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert." (63) “Und auch wenn Aschenbach
ihn nicht betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast niemals, dass jener dort lag und dass es ihn nur
eine leichte Wendung des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zu erblicken." (65)

Eine aufkommende widerliche Schwüle beginnt Aschenbach jedoch zu schaffen machen und er spürt: “Zum zweitenmal und nun
endgültig war es erwiesen, dass diese Stadt bei dieser Witterung ihm höchst schädlich war. [...] Ein eigensinniges Ausharren
erschien vernunftwidrig." (68) Aschenbach beschliesst ohne abzuwägen und ohne zu zweifeln, dass er am nächsten Morgen
nach Triest in ein Bäderhotel abreisen will. Diese überstürzte und rein rationale Entscheidung bereut er jedoch schon am selben
Abend wieder und er erwägt doch zu bleiben. Er hat noch nicht begriffen, weshalb ihn seine Gefühle zurückhalten und zum
bleiben überreden wollen. Aschenbach zögert am Morgen der Abreise sein Frühstück dermassen hinaus, dass sein Gepäck
schon vor ihm zum Bahnhof gebracht wird und er sich mit einer Gondel zum Abfahrtsort bringen lässt.

In der Gondel beginnt eine Fahrt des Leidens und ein harter Kampf zwischen seinen Gefühlen und seinem Verstand. Der
Dichter bereut den Entschluss dermassen, dass er sogar den fauligen Geruch von Meer und Sumpf, weswegen er sich zur
Abreise entschlossen hatte, in “tiefen, zärtlich schmerzlichen Zügen" (72) einatmet. Er kann sich eine Abreise überhaupt nicht
vorstellen, eine Rückkehr jedoch auch nicht. Er ist völlig ratlos und ist sich selber nicht im Klaren, was er wirklich will. In
diesem Gefühlszustand betritt er die Bahnhofshalle und erkundigt sich nach seinem Gepäck, worauf er erfährt, dass dieses
bereits nach Como unterwegs sei. Der Zug mit dem in die falsche Richtung aufgegebenen Gepäck ist jedoch schon abgefahren,
so dass sich der Schriftsteller entschliesst wieder ins Hotel zurückzukehren und auf das Gepäck zu warten. Gegen aussen zeigt
er ein wütendes Gesicht, innerlich jubelt er aber vor Freude über das Missgeschick: “Eine abenteuerliche Freude, eine
unglaubliche Heiterkeit erschütterte von innen fast krampfhaft seine Brust." (74) Dank diesem Aufgabefehler erhält Aschenbach
einen akzeptablen Grund, um seinen Aufenthalt zu verlängern und zu Tadzio zurückzukehren. Auffallend an dieser Szene ist,
dass Aschenbachs Verstand bei der Entscheidung um eine Reise ohne Gepäck oder eine Rückkehr ins Hotel völlig in den
Hintergrund tritt - entschied sich dieser doch noch vor einem Tag ohne zu überlegen für eine Abreise! Auf der Fahrt zum Hotel
ist er äusserst glücklich, dass sich “ein Unglück verhütet, ein schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rücken zu
lassen geglaubt hatte, eröffnete sich ihm wieder, war auf beliebige Zeit wieder sein." (75)

Was dem Leser schon lange bekannt war, erkennt nun auch Aschenbach selber: “Er [...] fühlte die Begeisterung seines Blutes,
die Freude, den Schmerz seiner Seele und erkannte, dass ihm um Tadzios willen der Abschied so schwer geworden war." (77)
Dass der Schriftsteller sich von diesem Bann nicht mehr lösen kann, druckt sich auch in der Umschreibung von ihm aus: “Und
so wurde der Flüchtling wieder einquartiert." (76) Das Wort Flüchtling wird für Aschenbach zum ersten Mal verwendet, ist
jedoch auch erst jetzt passend: Er befindet sich nun in einem Gefängnis, aus welchem ein entkommen unmöglich ist, was ihm
auch bewusst wird.

Auffallend an Aschenbachs Arbeitsweise ist, dass der frühere Wille zu strenger Rationalität und völliger Verdrängung
gefühlsmässiger Einflüsse nun verschwindet. Sein komplett neues Prinzip lautet: “Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der
ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag." Ein Gedanke soll nur noch aus Gefühlen bestehen.
Aschenbach spürt ein Verlangen, nur noch in Tadzios Nähe zu arbeiten. Ebenfalls beginnt er seinen Polen zu suchen, um ihn
bewundern zu können. Aus diesem Grund wird Gustav Aschenbach als “der Enthusiasmierte" bezeichnet. Seine Hemmschwelle
gegenüber Tadzio sinkt weiter, worauf Aschenbach den Schönen eines Morgens ansprechen will. Im entscheidenden Moment
versagt er und sieht danach ein, dass dieser Schritt nur zur “heilsamen Ernüchterung geführt" (89) hätte. “Allein es war wohl an
dem, dass der Alternde die Ernüchterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war." (89) Er ist nicht mehr stark genug,
um seine sonderbare Beziehung zu Tadzio aufs Spiel zu setzen. Er ist ebenfalls nicht mehr zur Selbstkritik aufgelegt, er resigniert
und akzeptiert die Tatsachen. Das einzige was ihm Sorgen macht ist die mögliche Abreise des Polen.

Aschenbach fixiert sich nur noch auf Tadzio und beginnt seinen ganzen Tagesablauf auf ihn auszurichten, so dass sein Tag nach
dem Verschwinden des Schönen beendet ist. Er will auf keinen Fall die heilsame Ernüchterung, “denn der Mensch liebt und ehrt
den Menschen, so lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis." (94)
Aschenbach würde eine Zerstörung dieser Beziehung nicht überleben, denn er weiss, dass er ihn liebt .

Tadzio wird für den Schriftsteller immer mehr zur Droge und zu einer unwiderstehlichen Manie. Er kann die Mitmenschen und
die Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen. So verbringt er den Tag mit dem Verfolgen Tadzios und verliert seine
anfänglichen Hemmungen fast gänzlich: “Neuerdings begnügte er sich nicht damit, Nähe und Anblick des Schönen der
Tagesregel und dem Glücke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte ihm nach." (101) Ein weiteres Beispiel dafür ist die Szene, als
Aschenbach einem Gondolier ein Extratrinkgeld gibt, damit dieser Tadzios Gondel verfolgt. Die völlige Gleichgültigkeit der
Meinung Anderer zeigt sich bei der kosmetischen Verjüngung auf. Weil ihn sein eigener Körper anekelt und er “wie ein
Liebender zu gefallen wünscht" (129), lässt er sich verjüngen.

Der Ausbruch der tödlichen Krankheit Cholera lässt den Schriftsteller in dem Sinne kalt, dass er nicht abreist. Er ist sich der
Gefahr vollkommen bewusst. Er erkundigt sich mehrmals über die Vorgänge in Venedig und findet eine Genugtuung darin, die
Einwohner mit gezielten Fragen absichtlich zur Lüge zu verleiten, damit die Wahrheit der Cholerabedrohung möglichst nicht an
die Öffentlichkeit dringt. Er bejaht dieses verschwiegene Verhalten der Einheimischen, indem er Tadzio und sein Familie nicht
über die Umstände informiert. Dies tut er aus reinem Eigennutz, denn nach dem informieren würden die Polen mit Bestimmtheit
auf der Stelle abreisen.

Unmittelbar vor seinem Tod sieht Aschenbach Tadzio zum letzten Mal am Strand. Jaschu, sein Spielgefährte, verwickelt ihn in
einen Ringkampf. Vor diesem Gebalge war Tadzio immer der “Ausgezeichnete" (83), der in Jaschu einen “Vasallen" (63), einen
“Geringeren, Dienenden" (83) hatte. In Aschenbachs letzter Stunde werden diese Rollen jedoch erstmals vertauscht: “Aber als
ob in der Abschiedsstunde das dienende Gefühl des Geringeren sich in grausame Roheit verkehre und für eine lange Sklaverei
Rache zu nehmen trachte,..." (138) so endet der Kampf mit einer Niederlage des “schwächeren Schönen" (138).

Tadzio wird noch als “eine höchst abgesonderte und verbindungslose Erscheinung" (139) bezeichnet. Aschenbach findet keinen
Bezug mehr zu ihm. Er spürt, dass sein Lebensabend gekommen ist. Tadzios Anblick kann er aber nicht mehr geniessen, er ist
wie benommen. Sein Antlitz zeigt “den schlaffen, innig versunkenen Ausdruck tiefen Schlummers" (139), bevor “eine
respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode empfing." (140). Gustav Aschenbach erliegt einem Herzanfall.
Seine leise Todesahnung, die am Anfang der Novelle angetönt wird, hat sich bestätigt.

Bevor Gustav Aschenbach in eine Schaffenskrise gerät, fällt er alle Entscheidungen mit seinem Verstand. Gefühle haben keinen
Platz in seinem Leben, denn diese würden nur ablenken. Der Reisende löst aber in ihm eine Wende aus, die er nie mehr
rückgängig machen kann: Er muss auf seine Gefühle hören. Jedes früher unterdrückte Gefühl und Verlangen bäumt sich in ihm
auf und er muss (nach Venedig) abreisen. Der Gedanke der Weiterreise aufgrund des fauligen Geruches in Venedig fällt
wiederum nur sein Verstand, denn er will wie früher nichts mit seinen Gefühlen zu tun haben, so dass er sie verdrängt. Sie sind
zu diesem Zeitpunkt aber zum zweiten Mal nicht mehr wegzudenken. Sein Leiden hat mit dem Missgeschick bei der
Kofferabfertigung ein glückliches Ende und er kann mit einem guten Grund ins Hotel zurückkehren. Seine Meinung gegenüber
den Gefühlen ändert sich radikal und er möchte nur noch Gefühlsdichtung. Er hört nur noch auf seine Gefühle und handelt
danach, was ihn trotz der Cholera zum Bleiben veranlasst. Die Aussenwelt wird ihm gleichgültig, er fixiert sich nur auf Tadzio
und dessen Leben. Über eine rettende Abreise denkt er gar nie nach. Er wäre auch nicht fähig, von seinem Schönen
wegzugehen. Etwas anderes als Aschenbachs Tod wäre unrealistisch.
 
 

4. Zeitbezug

Die Schaffenskrise, in der Aschenbach zu Beginn steckt, hatten zu dieser Zeit viele bürgerliche Künstler. Die Krise wurde vor
allem durch den sich rasch vollziehenden wirtschaftlichen Wandel hervorgerufen. Das neugegründete Kaiserreich entwickelte
sich von 1871 bis 1914 zu einem hochindustrialisierten Staat, wobei der Prozess durch zeitweilige Stagnation unterbrochen
wurde. Neben dieser Ungewissheit der Zukunft, machten den Schriftstellern die Landflucht und die Verstädterung zu schaffen:
Die Bevölkerung der Grossstädte bildete Parteien, Vereine und Verbände, so dass sie ihre Rolle als Sprecher und
Repräsentanten ihrer Schicht (des gebildeten Bürgertums), welche sie noch im 19. Jahrhundert innehatten, in Gefahr sahen. Eine
nächste Schranke wurde durch das politische System aufgebaut. So hatte der Kaiser das Sagen, was Wilhelm II. auch in der
Kunst zu verstehen gab: “Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine
Kunst mehr."

Weil Thomas Mann als gesellschaftskritischer Künstler unter diesen Umständen kaum überlebensfähig gewesen wäre,
übernahm er in “Tod in Venedig" die Grundüberzeugungen der Obrigkeit. So wird bei Aschenbach auf “jene adelige Reinheit,
Einfachheit und Ebenmässigkeit der Formgebung, welche seinen Produkten fortan ein so sinnfälliges, ja gewolltes Gepräge der
Meisterlichkeit und Klassizität verlieh" (28) geachtet. Sein Aufstieg zum repräsentativen Künstler beruht auf der Unterwerfung
unter die Gesetze und Schranken des Kaisers Wilhelm II. Durch die Übernahme der preussischen Ideologie scheint es
Aschenbach gelungen zu sein, die Identitätsproblem zu bewältigen. Jedoch bringt die neue Identität des repräsentativen
Nationalschriftstellers eine untragbare Verantwortung mit sich, so dass das Ergebnis am Ende der Tod ist.
 

© Andri Arn