Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß


"(Der) Ich-Erzähler Hans hat den Auftrag, den Nachlass von Arne Hellmer, mit dem er zwei Jahre das Zimmer geteilt hat, zu sichten und zu verstauen. Wer ist dieser Arne? Der Leser erfährt es zunächst nicht. Offensichtlich ein merkwürdig weltverlorener Jüngling, dessen Todesursache erst das Ende des Romans offenbart. Wahrhaft Stück um Stück - beim Durchsehen und Einpacken der Dinge, die Arne im Laufe der zwei Jahre in seinem Zimmer gesammelt hat - wird von Hans die tragische Lebensgeschichte des Toten zusammengesetzt, bis sie als melancholische Seelenlandschaft vollständig vor dem inneren Auge des Lesers liegt. Diese, mit Schiller zu reden, "tragische Analysis", die allmähliche Enthüllung des Geschehenen anhand der von Arne hinterlassenen Dinge, an denen die Erinnerung des Erzählers aufglimmt, das immer nur halbe Freigeben des Blicks auf Innen- und Außenleben des Protagonisten schafft die eigentümliche Spannung dieses doch so verhaltenen, in sich gekehrten, so ganz auf äußere Spannungseffekte verzichtenden Buchs. (...)
Die Berührung mit dem Tod hat Arne der alltäglichen Realität entfremdet. Er vermag die Dinge nicht mehr als prosaische Gebrauchsgegenstände wahrzunehmen, sondern er, dem die Welt schon abhanden gekommen war, sieht jene mit ganz neuen Augen an, als Chiffren eines höheren symbolischen, ja mythischen Sinns, und so sammelt er andächtig die vermeintlich belang- und bedeutungslosesten Gegenstände - ein Stückchen Tau, ein Sprungmesser mit gebrochener Klinge oder ein Stück Reuse, die Hans nach Arnes Tod oft ratlos auf ihren Wert hin befragt.
Arnes Fantasie lebt in mythischen Bildern. Er glaubt, dass es Seemannsknoten gibt - Kalluk hat ihm einen solchen geschenkt -, in die der Wind eingeschlossen ist und deren Lösung Stürme entfesseln kann. Er legt sein Ohr an Bojen und Tonnen und wähnt in ihnen Stimmen, Wind und Wellen zu hören - eine Welt hinter der Realität, aus welcher der Tod ihn schon einmal abberufen hatte und aus der er ihn immer wieder in eine Sphäre jenseits der alltäglichen Dinge zurückruft. (...)
Arnes Nachlaß ist das schwermütige Spätwerk eines großen Erzählers, der - im Gegensatz zu seiner eigenen resignativen Überzeugung - seine wahre Meisterschaft erst im Alter erreicht hat." (Dieter Borchmeyer, DIE ZEIT v. 14.10.1999)