Robert Gernhardt: Die Wahrheit über Arnold Hau


Auszug aus dem Buch

Die Lesung

Ich lese aus einem Manuskript, das ich bisher noch nicht veröffentlicht habe. Es trägt den Arbeitstitel "Aktien". Die Situation ist folgende: Gustav ist aus den 60er Wirren mit einem verletzten Bein in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Dort hat er nach seinem Vaterhaus gesucht und es schließlich gefunden. Es liegt in Trümmern. Während er schweigend durch die Überreste wandert, trifft er eine Frau, die er anfangs für seine Mutter hält. Sie ist es auch, aber auf eine sehr verwickelte Weise - ich kann das hier alles nur andeuten - ist sie zugleich seine vor Jahren verstorbene Geliebte und sein Gewissen. Sie veranlaßt Gustav, auf reichlich krummen Wegen die Aktienmehrheit der Brauerei der Heimatstadt zu erwerben.
Gustav erreicht dieses Ziel, indem er den Bürgermeister vielfacher Umtriebe anklagt, seine Versetzung bewirkt und sich selbst zum neuen Bürgermeister ausrufen läßt. Dadurch gelangt er automatisch in den Vorstand der Brauerei und Befiehlt, daß ihm ein Aktienpaket überreicht wird. Unterdessen ist sein Vater ebenfalls aus den Wirren zurückgekehrt. Als Türke verkleidet - es würde im Moment zu weit führen, zu erklären, wieso er gerade diese Verkleidung gewählt hat - deckt er den Schwindel seines Sohnes auf, doch er schweigt.
Eines Abends jedoch sucht ihn der Pastor auf, der gesehen hat, wie Gustav die Aktien beiseite schaffte, und stellt ihn zur Rede. Die folgende Passage nun beschreibt ihre Begegnung:
"Der Pastor kam schnell herbei und der Türke" - Gustavs Vater also - "Brauchte seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht laut herauszuschreien: Bleib, wo du bist!"
Darauf folgt eine längere Beschreibung, die das Näherkommen des Pastors zum Inhalt hat, und dann sagt der Türke: "So eilig?" Darauf sagte der Pastor, daß er etwas über den Bürgermeister wisse. Mittlerweile ist Gustav immer mehr unter den Einfluß der Frau geraten, die ihm nun erzählt, daß der Pastor zum Türken gegangen sei, um ihm Schwierigkeiten zu machen. In seiner Verwirrung läßt Gustav, der Bürgermeister also, den Staatsstreich ausrufen, er setzt den Pastor ab und erklärt den Türken zum offiziellen Gegenpapst. Er befindet sich nun auf dem Höhepunkt seiner Macht und heiratet seine Mutter.
Die folgenden Sätze geben die Gedanken seines Vaters wieder:
"So etwas dürfte es eigentlich nicht geben ... Doch vielleicht trage auch ich Schuld an dieser Entwicklung ... Ich war Gustav gegenüber oft zu weich, dann wieder zu hart, und nun ist es passiert."
Doch Gustav und seine Mutter erkennen bald, daß sie nicht zueinander passen. Sie trennen sich nach einer längeren Aussprache, die das geplante Werk vorerst beendet:
"Wenn ich neben dir saß, war mir immer so, als säße ich neben einer anderen", sagte Gustav und vermied es, sein Mutter anzuschauen.
"Wir hätten uns halten sollen", entgegnete sie, "wir hatten nicht die Kraft dazu."
"Leb wohl."
"Leb wohl."
Ein folgender Band soll den Aufstieg Gustavs zu einem der bedeutendsten Männer seiner Zeit schildern, ein dritter seine Kanonisierung. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.