Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung


Auszug aus dem Roman:

Als Ellen aus dem Keller kroch, bemerkte sie zu ihrer Linken ein Pferd. Das lag und röchelte und hatte die Augen in unnennbarer Zuversicht auf sie gerichtet, während aus seinen tiefen Wunden schon der süßliche Geruch der Verwesung strömte.
»Du hast recht!« sagte Ellen eindringlich. »Man muß Vertrauen bewahren - man muß -« Sie wandte sich ab und erbrach. »Ver-zeih -« stammelte sie verwirrt, »aber warum ist das alles so wider-lich, so entwürdigend? Warum wird man so erniedrigt und ver-ächtlich gemacht, bevor man suchen geht?« Der Wind hatte sich gedreht und blies ihr warm und betäubend die Fäulnis ins Gesicht, alle Fäulnis der Welt.
Das Pferd entblößte die Zähne, hatte aber nicht mehr die Kraft, den Kopf zu heben. »Vertrauen - « wiederholte Ellen hilflos. Sie schwankte, kauerte nieder und griff nach seiner Mähne, die verklebt war von Blut.
Am Himmel war ein heller Fleck, umhüllt von Pulverdampf. »Die Sonne tarnt sich!« tröstete Ellen das Pferd. »Glaub mir! Du wirst sehen - du darfst keine Angst haben - der Himmel ist blau! Siehst du?«
Der Himmel war blau. Blau, noch immer! Das Haus gegenüber war weggerissen. Am Rande des Trichters streckte eine kleine Schlüsselblume ihre frischen Blüten ahnungslos aus der zerwühlten Erde.
»Gott spottet ! « sagte Ellen zu dem Pferd. »Warum spottet Gott? Warum -«
Aber das Pferd gab nicht nur keine Antwort, sondern sah sie nur noch einmal mit einem nun schon veränderten, tödlich geängstigten Blick an und streckte dann, um eine weitere Vermessenheit zu verhindern, mit einem kurzen, entschiedenen Ruck die Beine von sich.
»Warum?« schrie Ellen, um das Heulen einer Granate zu übertönen. »Warum hast du Angst gehabt?«
Aus der Tiefe des Kellers hörte sie noch einmal die hohen und etwas lächerlichen Stimmen der Erwachsenen, die sie zurückriefen. Entschlossen richtete sich Ellen aus ihrer gebückten Haltung auf und rannte gegen die Stadt zu. Sie rannte schnell und federnd, mit leichten, gleichmäßigen Schritten und ohne sich noch einmal umzu-sehen. Sie rannte auf Georg zu, auf Herbert, Hanna und Ruth und die tanzenden Kirschbäume. Sie vermutete dort die Küste des Atlantik und die Küste des Pazifik, die Ufer des Heiligen Landes. Sie wollte zu ihren Freunden. Sie wollte nach Hause.
Trümmer wuchsen wie Hürden und versuchten, sie aufzuhalten, ausgebrannte Ruinen, die - wie blinde Soldaten - mit leeren Fensterhöhlen in die scheue Sonne starrten, Panzerwagen und fremde Befehle.
»Was kann denn geschehen?« dachte Ellen. Sie rannte zwischen Kanonen, Ruinen und Leichen, zwischen Lärm, Unordnung und Gottverlassenheit und schrie leise vor Glück: »Meine Seele harret auf den Herrn, meine Seele hoffet auf sein Wort -« und gleich darauf: »Heut' tanz' ich mit dir in den Himmel hinein -« und da-zwischen wieder: »Denn er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden!«
So lange ging das, bis die Kraft des Sonnengeflechts sie verließ. Aus hellvioletten Fliederbüschen ragte ein Geschützrohr. Ellen wollte vorbei. Ein fremder Soldat riß sie zur Seite. Schnell und wild und nachlässig, mit der linken Hand. Irgendein Befehl kam von der Richtung des Geschützes. Der Soldat wandte den Kopf und ließ Ellen los.
Das Parkgitter war an dieser Stelle zerborsten. Dichtes, wildes Gestrüpp nahm Ellen auf und entließ sie wieder. Hoch und grün stand das Gras. In der Ferne hing an einer jungen Buche eine Uni-form, von der man nicht erkennen konnte, ob sie noch den Leib eines Menschen beherbergte. Sonst war niemand zu sehen. Noch einmal schlug es dicht hinter Ellen tief in den frischen Boden. Brok-ken von Stein und Erde spritzten hoch und trafen sie an den Schul-tern. Es war, als hätte ein Rudel kleiner Jungen hinter einem Busch hervor nach ihr geworfen.
Aber je weiter sie in die Mitte des Gartens kam, desto stiller wur-de es. Der Lärm des Kampfes flutete ab, als wäre er nie gewesen. Wie ein sanftes Geschoß fiel der Frühlingsabend und traf alle auf einmal.
Ellen übersprang den Bach. Der hölzerne Steg war eingebrochen. Die weißen Schwäne waren verschwunden. Versunken die voll-endete Nachlässigkeit ihres Verlangens. Was noch zu füttern blieb, ließ sich nicht mehr von Kindern das Brot reichen. Das Glas des Wetterhäuschens war eingeschlagen. Der Zeiger steckte und zeigte von nun an bis in Ewigkeit »Veränderlich«. Nirgends bog eine wei-ße Bonne um den Kiesweg. Nichts mehr schien daran zu glauben, daß es jemals Parkwächter gegeben hatte.
Auf dem Spielplatz in der Sandkiste lagen drei Tote. Sie lagen dort kreuz und quer, als hätten sie zu lange gespielt und den Ruf der Mütter überhört. Nun waren sie eingeschlafen, ohne das Licht auf der andern Seite des Tunnels zu sehen.
Ellen rannte den Hang hinauf. Plötzlich hörte sie das Klirren von Schaufeln. Ganz nahe. Sie gruben die Gräber. Ellen warf sich zu Boden. Im Zwielicht kauerte sie zwischen den Schatten.
Mit großen Schaufeln hoben die fremden Soldaten die aufge-lockerte Erde aus dem Boden. Diese Erde war schwarz und feucht und sanftmütig. Sie gab nach vor der Bodenlosigkeit allen Bodens. Die Soldaten arbeiteten schweigend. Einer von ihnen weinte dabei.
Leichter Wind brach durch die stummen Büsche. Ab und zu bebte der Grund unter dem fernen Einschlag großer Geschosse. Ellen lag ganz still. Sie lag jetzt dicht an den Boden gepreßt, ver-einigt mit seinem Beben und seiner Dunkelheit.
Unerschütterlich lächelte die Brunnenfigur mit dem zerschos-senen Arm über die offenen Gräber. Auf dem Kopf trug sie einen Krug. Er hielt, ohne daß sie ihn hielt. Er machte sie wesentlich. Der Brunnen war längst versiegt.
Ellen fühlte Durst. Als die Soldaten die Leichen aus der Sand-kiste holten, blieb sie allein zurück. Sie lag im Gras, hob den Kopf ein wenig über die Arme und sah ihnen nach. Mit großen Sprüngen sprangen sie nach abwärts. Ellen konnte sehen, wie sie das Dunkle aus dem weißen Sand hoben. Sie rührte sich nicht. Wie ein hohes Schrapnell stieg der Abendstern und blieb gegen jede Erwartung am Himmel stehen.
Schwer und widerwillig hingen die Toten in den Armen ihrer Kameraden. Sie konnten es ihnen nicht leichter machen. Es war nicht so einfach. Trotzig krümmte sich der Hügel.
Knapp bevor die Soldaten die Höhe wieder erreicht hatten, streckte sich Ellen lang aus und rollte wie ein eingeschlagener Tep-pich auf der anderen Seite hinunter. Sie schloß die Augen und lan-dete in einem Granattrichter. Sie zog sich hoch, richtete sich halb auf und rannte über die Wiese gegen die hohen Bäume zu. Die Bäu-me standen ruhig, gewohnt, der Deckung zu dienen. Einzelne Äste schienen geknickt. Weiß und wund leuchtete das Holz aus der ge-sprengten Rinde.
Als Ellen die Mitte der Wiese erreicht hatte, hörte sie sich ge-rufen. Ihre Füße stockten. Sie war nicht sicher, ob es die Groß-mutter war, die sie rief, ein Eichelhäher oder der Gehenkte. Und sie dachte nicht darüber nach. Sie wollte nach Hause. Sie wollte zu den
Brücken. Und sie durfte sich jetzt nicht länger aufhalten lassen. Geduckt rannte sie weiter.
Es war fast finster. In der Ferne hinter der niedrigen Mauer dröhnten die Motoren schwerer Wagen. Sie brachten Nachschub gegen den Kanal. Gegen denselben Kanal, an dessen Ufer das Rin-gelspiel gelassen im letzten Schein zwischen den Fronten stand. Wollt ihr fliegen? Und wollt ihr Musik dazu? Dieses Ringelspiel!
Wenige Schritte, bevor die Bäume Ellen in den tieferen Schatten ihrer Kronen nahmen, rief es wieder. Es war nun viel näher und schied sich deutlich von dem Branden der Stille, die sogar das Dröh-nen der Panzerwagen von Zeit zu Zeit in sich barg. Eine grelle, sehr laute Stimme. Ellen sprang in den Schatten, umfing einen Stamm, holte Atem und rannte weiter.
Die Leute im Keller hatten soeben ihre Kartenpartie beendigt. »Ellen!« riefen sie gereizt. »Ellen!!« - »Wo sind die Kinder?« Die Kinder kauerten an der Kellerluke, die ein Geschoß erweitert hatte, und stritten lärmend darum, durchschauen zu dürfen. Durch die Luke sah man Schutt und den Himmel mit dem ersten Stern. Aber Ellen war nicht mehr bei den Kindern. Ellen war in den Schutt ge-laufen, um den Stern zu finden. Und sie war schnell gelaufen, mit dem brennenden Eifer, mit der letzten, späten Kindlichkeit ihres verwundeten Herzens.
»Man müßte die Polizei verständigen, aber fragen Sie, welche!«
Ellen tauchte aus dem Schatten der Bäume. Sie fühlte Schwindel, stolperte über einen verlorenen Helm und wußte plötzlich, daß ihre Kraft zu Ende war, aufgezehrt an der grenzenlosen Erwartung, ver-brannt an dem Schauer des Unfaßbaren. Sie fluchte. Weshalb war sie aus dem Keller gelaufen? Weshalb hatte sie nicht auf den Hofrat gehört, auf die Tante, den Hausbesorger - auf alle diese Menschen, die nicht aufhörten, Vernunft und Behagen über alles zu schätzen? Weshalb war sie dem Unbändigen gefolgt, das sie geheißen hatte, zu laufen und zu suchen, was unauffindbar war?
Maßloser Zorn ergriff sie, Zorn gegen dieses zwingende, schwei-gende Locken, das sie hierhergeführt hatte.
Weiß und einsam standen die kleinen, steinernen Bänke an dem ausgetrockneten Fluß. Schatten verspannen sich zum Drahtseil. Nein - es war nicht ein Seil, es waren viele Seile, aber welches von den vielen Seilen war das einzige? Welches von den vielen Seilen hielt?
Ellen schwankte. Blitzlicht überflutete den dunklen Garten. Die Erde bäumte sich auf, der Gehenkte begann zu tanzen und die Toten wälzten sich unruhig in ihren frischen Gräbern. Feuer zerriß den Himmel. Ein Feuer sind alle Flammen. Die aus den Fenstern schlagen, die in den Lampen wohnen, die von den Türmen leuch-ten. Ein Feuer sind alle Flammen. Die ihre Hände wärmen, die aus den Schlünden schießen. Ein Feuer mitten in der Nacht.
Die Soldaten am Teich warfen sich zu Boden. Die Stelle war ge-schützt. Durch die Böschung gedeckt, schien sie wie keine andere dazu geeignet, ein schnelles Feuer zu machen und daran vom Kampf zu ruhen. Und doch war es, als hätte der Teich schwarz und tückisch das kleine Feuer an den großen Himmel geworfen, als wäre es dasselbe Feuer, das die Macht hatte, Wasser zu kochen, und zu töten.
Sie richteten sich auf und füllten den Kessel von neuem. Der Kes-sel sang und auch die Soldaten begannen wieder zu singen. Es war wie das Rollen eines Wagens im Halbdunkel. Ihr Lied klang tief und verborgen. Einige von ihnen rannten die Böschung hinauf, lauschten dem fernen Kampflärm und beobachteten geduckt die Schatten der, Bäume, die Wiese und den Himmel. Geblendet durch die Flamme schien ihnen die Finsternis vorerst undurchdringlich, und so war es besser, sich auf die Dinge zu verlassen, die sich am Himmel abzeichneten.
So kam es, daß die Wache am Hang die beiden Gestalten erst jetzt bemerkte. So kam es, daß Ellen und der Posten vom anderen Ufer ganz plötzlich vor ihnen standen. Hier oben war das Gras naß und hoch. So schien es den Soldaten, als wären zwei dunkle Halme vor ihnen in die Höhe geschossen und hätten gegen ihren eigenen Wil-len helle Gesichter bekommen.
Die Wachen am Hang knackten ganz leicht mit den Hähnen ihrer Gewehre.
»Ich habe sie gefunden!«
Die Wachen packten sie.
»Was suchst du hier?«
»Sie ist über die Wiese gelaufen«, sagte der andere. »Sie ist über die Wiese gelaufen, als ob es Sonntag wäre!« Er lachte. »Als es drüben niederging, habe ich sie gesehen. Ich hab sie angerufen. Sie ist weitergelaufen. Gegen die Bäume zu. Als ob es dort nicht mehr gelten würde, als ob es Sonntag wäre!«
»Was suchst du hier?«
Sie brachten Ellen ans Feuer.
Gegen den Teich zu fiel die Wiese ab. Der Flieder blühte hier, weiß und wild und üppig. Stumm lag der Musikpavillon auf dem Hügel gegenüber. Rund und gefallsüchtig hob sich sein dunkles Dach gegen den Feuerschein, der von den Brücken kam. Es war jetzt so hell, daß Ellen die Notenständer erkennen konnte, die wie eine Schar ängstlicher Zivilisten in der Ecke des Tanzbodens lehn-ten.
Der Tanzboden war zur Hälfte weggerissen und von Steinen be-deckt. Rauch schwelte über den zerstampften Rasen.
Erregt berieten die Offiziere. Das Feuer flackerte, wob ihre Schatten gegeneinander und warf Ellen dazwischen.
»Was suchst du hier?«
Ellen zitterte vor Kälte. Als sie einen Laib Brot sah, hörte sie auf, Widerstand zu leisten und sagte: »Hunger!«
Die fremden Soldaten verstanden dieses Wort. Sie wußten wenig von der fremden Sprache, aber dieses Wort wußten sie aus der tiefen und begründeten Unersättlichkeit des menschlichen Ge-schlechtes. Sie geboten ihr, sich niederzusetzen. Einer von ihnen schnitt ein Stück Brot ab. Ein anderer schrie ihr etwas zu, das sie nicht verstand.
»Sie ist schwach«, sagte der, der sie gefunden hatte, »gebt ihr zu trinken!«
»Hat sie Papiere bei sich?«
»Gebt ihr zu trinken! « wiederholte der andere. »Sie ist schwach.«
Sie gaben ihr Wein. Leere Flaschen warfen sie über den Teich. Das Wasser spritzte silbrig auf und schloß sich wieder darüber.
»Sie hat nichts bei sich!« sagte er.
Nach wenigen Minuten stieg Ellen das Blut zu Kopf. Sie richtete sich auf und rief: »Habt ihr den Frieden gesehen?«
Der andere lachte und übersetzte. Die Soldaten schwiegen er-staunt und brachen plötzlich in Gelächter aus. Alle hatten großen Spaß daran. Einer der Offiziere sah ihr verwundert ins Gesicht. Niemand gab ihr Antwort. Und selbst derjenige, der alle Flieder-büsche und alle Sehnsucht der Welt so offensichtlich wachsen ließ, schwieg beharrlich. Der Frühlingswind strich herüber und riß Ellen eine Locke aus dem Gesicht, so daß ihre Stirne weiß und erwar-tungsvoll dahinter zum Vorschein kam. Am anderen Ufer tanzten die Birken Ballett. Aber niemand gab ihr Antwort.