Thomas Bernhard: Der Theatermacher


Die Uraufführung von "Der Theatermacher" fand bei den Salzburger Festspielen am 17. August 1985 statt. Einmal mehr wählte Bernhard für dieses Auftragswerk der Salzburger Festspiele das Genre des Künstlerdramas, wie bereits mit Der Ignorant und der Wahnsinnige (1972), Die Macht der Gewohnheit (1974) und Minetti (1976), um die Auflehnung des radikalen Künstlers gegen die lebensfeindliche Natur und geistfeindliche Gesellschaft, gleichzeitig aber auch das notwendige Scheitern dieser Auflehnung zu thematisieren.

Der Theatermacher geht vom Theaterskandal um das Notlicht in der Salzburger Festspielaufführung von Der Ignorant und der
Wahnsinnige aus. Damals bestand Bernhard auf absolute Finsternis, die feuerpolizeilich nicht durchzusetzen war. Bernhard
sagte damals: “Eine Gesellschaft, die 2 Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus!” Gut 10 Jahre
später greift er diese feuerpolizeiliche Schikane wieder auf, diesmal aber versteift sich der närrische Theatermacher Bruscon, ein dilettantischer Schriftsteller und Familientyrann, auf diese Forderung, wodurch seine Poetik der Finsternis, die einmal Bernhards eigene war, der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Trostloser Handlungsort ist der verstaubte Tanzsaal im Gasthof “Schwarzer Hirsch” in Utzbach, einem Provinznest mit 280
Einwohnern. Um den Saal dürfte sich seit längerem niemand mehr gekümmert haben. Grünlich modert der Schimmel die
feuchten Wände hoch. Die Spinnweben haben sich zu klebrigem Gespinst verfestigt. Der Fliegenfänger, der von der Decke
hängt, muß längst vertrocknet sein, wie der übrige Fliegenschiß an allen Wänden vermuten läßt. Sogar das Hitlerbild ist bis zur
Unkenntlichkeit verdreckt. Auf dem Türbalken ein altes Kreidezeichen: “Casper, Melchior, Baltasar 1945” - also noch vor
Kriegsende. Aber über den vergammelten Türen, die seit Jahren keiner mehr geöffnet hat, brennt das Notlicht.
Der ehemalige Staatsschauspieler Bruscon will dort seine Weltkomödie Das Rad der Geschichte aufführen, deren Höhepunkt
und Voraussetzung die absolute Finsternis sein soll.

Die Schauspieltruppe besteht aus dem abgetakeltem Bruscon, seiner lungenkranken, ewig hustenden Frau, dem unbegabten
Sohn Ferrucio und der nicht den Ansprüchen des Vaters entsprechende Tochter Sarah.
In den ersten 3 Szenen zeigen sie sich damit beschäftigt, den Saal für die abendliche Vorstellung herzurichten, die Requisiten
herbeizuschaffen, die Kostüme von Nero, Churchill, Hitler, Einstein, Madame de Staël auf Kleiderständer zu hängen. Die
Familie nimmt eine karge Mahlzeit zu sich. Bruscon erteilt den Mitwirkenden letzte Regieanweisungen, sieht aber ein, daß dies
ein vergebliches Bemühen ist. Die quälende Dummheit seiner Leute, ein permanentes, jegliche Konzentration verhinderndes
Schweinegrunzen von draußen, ein sich ankündigendes Gewitter und die bis zuletzt anhaltende Ungewißheit, ob die Vorstellung
denn überhaupt stattfinden könne, da der Feuerwehrhauptmann bislang noch keine Genehmigung zum Abschalten des
Notlichtes am Schluß der Aufführung erteilt hat, ist der eigentliche Inhalt des Stückes.

In seiner Komödie hat es
am Ende
vollkommen finster zu sein
auch das Notlicht muß gelöscht sein
vollkommen finster
absolut finster.

Das Finale gerät, wie nicht anders zu erwarten, zum Fiasko: Unmittelbar vor Vorstellungsbeginn beschwört Bruscon noch
einmal seinen unerschütterlichen Glauben an die Schauspielkunst als einzigen Existenzgrund. Er schminkt das Gesicht seiner
Frau total schwarz:

Atomzeitalter meine Liebe
das ganze Atomzeitalter
muß in diesem Gesicht sein.
Mehr oder weniger
das Ende der Welt
in deinem Gesicht
Die Madame Curie
muß ein schwarzes Gesicht haben
habe ich immer gesagt
Ich verstehe nicht
daß du meinen Befehl nicht befolgst

Plötzlich bricht das Gewitter über Utzbach aus. In Panik verlassen alle Zuschauer den Saal, zurück bleiben allein nur die
Schauspieler, auf die es durch die undichte Decke herabregnet. Bruscon im Kostüm des Napoleons, sinkt in einem Stuhl
zusammen.

Der Theatermacher stellt eine witzige Selbstparodie, die Kunstprogrammatik Bernhards dar und ist zugleich das komische
Gleichnis über die Kunst in einer kunstfeindlichen Welt. Das schwierige Adaptieren des Saals im Utzbacher Dorfwirtshaus wird
zum sinnfälligen Anschauungsunterricht von Bernhards Ästhetik des Dramas und der Grundlagen der ästhetischen Scheinwelt
überhaupt. Wie Bruscon die Bühne abschreitet und abmißt, wie er sich bückt, um zu prüfen, ob die Bühnenbretter auch tragen,
wie er Sätze aus seinem Drama in den Saal ruft, um die stimmliche Resonanz zu studieren, wie man in der zweiten Szene
umständlich den Bühnenvorhang montiert, der dann zur Probe langsamer oder schneller auf- und zugezogen wird.
Der Theatermacher wird ständig auf den Weltzustand gestoßen, in dem die Zeit der Märchen für immer vorbei ist. In einer
kalten, kunstfeindlichen Welt kann nur mit größter Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und gegen die anderen Kunst gemacht
werden.
Bruscon ruft aus:

Kunst, Kunst, Kunst,
hier wissen sie ja gar nicht
was das ist, den wohin man schaut
doch nur Häßliches.

Ganze Haufen von Geweihen wären wegzuräumen. Die Fenster müßte man gegen den Lärm des Schweinegrunzens und den
Gestank der Schweinemast verschließen. Ein Herakles müßte Bruscon sein, um die Häßlichkeit wegzuschaffen, die zum
Weltzustand geworden ist. Alles ist vom Geschäftsgeist verschandelt und von der unbewältigten Vergangenheit beschädigt. So
schleppt Bruscon, von Krankheit und Erschöpfung gezeichnet, seinen angegriffenen Körper und seinen hohen Kunstbegriff
durch die Voralpenschwüle.

Oskar Werner ist nicht, wie oft spekulativ verbreitet wurde, das Vorbild für den Theatermacher. Allenfalls hat Bernhard – seit
je und gerichtsnotorisch nachlässig beim Literarisieren von Wirklichkeitsstoff ein paar äußerliche Lebensumstände bei Werners
letzter Sauftournee durch die Wachau entlehnt. Aber sonst hat Bruscon mit dem kaputten Burgschauspieler und Hollywoodstar
so wenig zu tun wie mit irgendeinem leibhaftigem Staatsschauspieler.

Dieser Bruscon – Zerrbild ohne Vorbild – ist demnach der Stoff, aus dem seit jeher die Bernhard-Ungeheuer sind. Er plustert
und brüstet sich, er nörgelt, bezichtigt, verurteilt, höhnt und verachtet, er rechtet und richtet, schurigelt seine Nächsten und
schikaniert jeden. Er teilt gerne nach allen Seiten hin Schmähreden aus; die harmloseste unter ihnen betrifft die angebliche
Erbärmlichkeit der Theaterkritiker, gravierender sind die Verhöhnung Österreichs und die Auslassung über die
Minderwertigkeit der Frauen.

Die Frauen haben keinen Kunstbegriff
den Frauen fehlt
gänzlich alles Philosophische
das ist es
philosophisches Gehirn fehlt
Bemühungen in diese Richtung ja
aber vergeblich
nicht ernst zu nehmen
Man sagt die Frauen
seien heute im Vormarsch
ja in die Katastrophe hinein
Bald kommt der weibliche Offenbarungseid
denke ich
Gefühlswelt
auch nichts als Lüge
Kannst du dir vorstellen
daß wir mit deiner Mutter
über Schopenhauer sprechen
Das hat es nie gegeben
Völlig geistlose Köpfe
oder über Montaigne
Dann machen sie sich lustig
wenn sie nichts verstehen

Wollte ein Zuschauer nur einen Bruchteil davon ernst nehmen, er müßte das Theater fluchtartig verlassen. Besser sind alle jene
dran, denen es gelingt, diesem ins Monströse gesteigerten österreichischen Hang zu Zerfleischung und Selbstzerfleischung eine
gewissen Spaß und Unterhaltungswert abzugewinnen. Es ist Kritik, die um ihrer selbst willen geübt wird, die sich an ihrer eignen Übertreibungen ergötzt, die nichts ausläßt und daher schon wegen dieser Totalität die Wirksamkeit als Kritik zugunsten
sprachlichen Kurzweils einbüßt. Bernhard läßt auch das Theater nicht aus der genüßlichen Ächtung aus und gibt an dieser Stelle sogar Selbstironie zu erkennen, wenn es von den Lungenkranken heißt, das sie “schwierige Leute” und
“Niederträchtigkeitsfanatiker” seien.

Ich habe die Tournee ja nicht gewollt
ja nicht machen wollen
ich war immer gegen diese Tournee
aber weil sie mich immerfort gepeinigt hat
mit ihrer guten Landluft
habe ich nachgegeben
Lungenkranke schwierige Leute
kaum auszuhalten
Weltbeherrscher sozusagen
Niederträchtigkeitsfanatiker
Die gute Landluft
die wir auf der Tournee haben
hat sie immer wieder gesagt
und dabei ist es nichts als Gestank
und ihr Zustand
war noch nie so schlecht wie jetzt

Ein heruntergekommener Erbe der romantischen Poetik, der Begriffe wie Imitation, Phantasie, Geist, das Poetische, Genie, das
Schöpferische, die Schönheit, hochhält, Begriffe, an denen man sich erwärmen wollte, seit die Welt entzaubert wurde und mit
der Klarheit der Kälte zuzunehmen begann. Begriffe, die auch der unzeitgemäße Großvater Thomas Bernhards zu seiner
Kunstreligion und zu Leitworten für seinen Enkel gemacht hatte.

So ist in Bruscon und seiner Familientruppe wieder Bernhards Familienstück zu erkennen, mit dem kunstbessenen Großvater im Mittelpunkt, dem sich die anderen 3 Familienmitglieder, Bernhards Mutter, Onkel und Großmutter, bedingungslos unterworfen
hatten.
Wie Bruscons 4-köpfige Truppe waren sie durch halb Europa gezogen, jahrelang auf der Suche nach Anerkennung und
künstlerischem Erfolg. Und wie Bruscon trat auch der Großvater als großer Herr mit höchsten künstlerischen Ansprüchen auf,
hinter denen die ängstlich verborgene Einsicht stand, mit seinem Unternehmen gescheitert zu sein. Was sie besaßen, war, wie im Theatermacher, nicht viel mehr, als was sich in Wäschekorb und Kiste unterbringen ließ.
Bernhards Großvater pflegte normalerweise eine Leinenkappe zu tragen. So muß natürlich auch Bruscon eine haben:

Extralange Hosen
trug ich damals
und eine Leinenkappe auf dem Kopf
Ich nannte sie meine Vorteilskappe
weil ich bald darauf gekommen war
daß es unter dieser Kappe zu denken
ein Vorteil war
Wollte ich klar denken
setzte ich diese Kappe auf
die Leinenkappe
die ich von meinem Großvater mütterlicherseits
geerbt habe
Und stellen Sie sich vor
es war mir auch in der Großstadt nicht möglich
ohne diese Leinenkappe meines Großvaters zu denken
jedenfalls nicht mit der notwendigen Klarheit
die ich mir zum Prinzip gemacht habe
schließlich hatte ich diese Leinenkappe
während der ganzen Arbeit an meiner Komödie auf
Nehme ich die Kappe herunter
ist meine Komödie vernichtet
habe ich gedacht
und ich habe sie die ganzen neun Jahre
die ich an meiner Komödie geschrieben habe
eben an unserem Rad der Geschichte
aufbehalten

Die Riesenromane Johannes Freumbichlers kehren wieder in Bruscons Riesendrama, die Kinder Farald und Herta in Ferrucio
und Sarah, und an der Nierengeschichte, an der Bruscon leidet, ist Freumbichler im Februar 1949 gestorben. Wie Bruscon
könnte auch der erfolglose, verarmte Schriftsteller Johannes Freumbichler die Größe seiner Misere seines Lebens in dem
fragmentarischen Satz ausdrücken, den die Tochter des Theatermachers wieder und wieder nachsprechen muß, weil er dem
Kunsttyrannen nie andächtig genug gesprochen werden kann:

Wenn wir die Schönheit nicht besitzen
und durch und durch ein kranker Geist
und mittellos bis in die Seele sind.

© Ingo Horejs