Vorurteile eines Christenmenschen

Eine christliche Predigt, die vor Vorurteilen nur so wimmelt, ist veröffentlicht unter  http://www.fehlhaber.de/predigt   (seit einiger Zeit ist diese Site nicht mehr verfügbar). Nachdem ich anläßlich eines Forumseintrages zum Thema: "Schuf Gott durch Evolution?" ( Jesus-online, seit kurzem im Archiv dort wieder verfügbar ) durch den Autor selbst zartfühlend auf diese Perle christlichen Wissenschaftsverständnisses hingewiesen worden war, fühlte ich mich doch veranlaßt, da einiges zurechtzurücken.

Da der Autor diesen Text nicht in seinem Gästebuch haben wollte, ich aber zu der Zeit noch über keine eigene Homepage verfügte, war Gegen den Strom so freundlich, mir eine Veröffentlichungsmöglichkeit zu bieten ( Gegen den Strom ).  Ich freue mich, diese Kritik nun auch selbst ins Netz stellen zu können (in Einzelheiten geringfügig überarbeitet):


Lieber Peter, jetzt habe ich meine Hausaufgaben gemacht: Ich habe tatsächlich herausgefunden, daß dieses Forumthema auf Deine Predigt zurückgeht. Es tut mir wirklich sehr leid, daß ich Deine Bedeutung für das Forum nicht gleich gesehen habe. Ich habe inzwischen auch gemerkt, daß Du mir das nicht verzeihen willst, sonst würdest Du ja nicht grundsätzlich meine freundlichen Gästebucheintragsversuche bei Dir immer wieder löschen. So möchte ich Dir auf diesem Wege mitteilen, was ich von Deiner Predigt halte, ok?


Zu Teil 1, der Bärologie: Wirklich recht lustig. Mehr aber auch nicht. Auf diese Weise kann man allerdings auch zeigen, daß manche Menschen von den Ameisen abstammen (Gehirngröße vergleichbar, Verhalten auch, z.B. Gegenstände schleppen, die zu schwer scheinen).


Zu Teil 2, Theorie, wirklichkeitsferne Idee: Du hättest statt dem Fremdwörterbuch lieber ein wirklich "schlaues Buch", genannt Lexikon benutzen sollen, z.B. dtv-Lexikon: ".... In der Neuzeit heißt T. die umfassende wissenschaftliche Begründung eines Erkenntnisbereichs; sie stützt sich auf Erfahrung (Beobachtung, Versuch) der Analyse aller ein Gebiet betreffenden Faktoren, wissenschaftliche Annahmen (Hypothesen) und die gewonnenen Gesetzlichkeiten." Und so steht in demselben Lexikon für Glaube: "allgemein: die Anerkennung eines Sachverhalts als wahr auf die Mitteilung eines anderen hin, ohne eigene Prüfung; auch das Vertrauen auf einen Menschen, auf seine Treue, Ehrlichkeit u.a." Das liest sich doch ein wenig anders als in Deiner "Predigt". Ach ja, Predigt steht auch im Lexikon: "die gottesdienstl. Rede, meist von der Kanzel herab gehalten, zur Verkündung und Auslegung des Wortes Gottes und der Kirchenlehre. Ihrer Form nach ist die P. entweder Erklärung der Hl. Schrift (Homilie) oder P. über ein kirchl. Thema (thematische P.)." Aber gut, so pingelig will ich gar nicht sein. Zu Deinen nachfolgenden Fragen: Ob Du die 7 Tage der Bibel wörtlich nehmen willst, ist mir ziemlich egal. Aber zur Evolutionstheorie selbst (Darwins ürsprüngliche Theorie ist im Laufe der Zeit und wissenschaftlichen Entwicklung ja weiterentwickelt worden) und besonders zum Beginn des Universums gibt es eine Menge Forschungsergebnisse. Den Schöpfungsbericht, den Hinni dann  vorliest, setze ich mal als bekannt voraus.


Zu Teil 3, dem Verbot des Lehrens der Evolutionstheorie: Das ist falsch und absoluter Blödsinn. Ich weiß nicht, welche Regenbogenpresse (Medien) Du dazu konsultiert hast. Im Text (natürlich da ohne Fettdruck) relativierst Du diese Aussage ja auch wieder etwas. Könnte da ein ganz klein wenig Manipulation beabsichtigt gewesen sein? Fakt ist: Die Evolutionstheorie ist Standard an allen Schulen (aber Du hast ja auch nichts anderes behauptet, nur mal zur Sicherheit). Der Unknall selbst steht nicht als explizites Thema in den Richtlinien. Das heißt nur, es muß nicht unterrichtet werden, aber wenn es in den Stoff paßt, selbstverständlich. Und welcher Physiklehrer läßt es sich denn entgehen, seinen Schülern die interessanten neueren Forschungsergebnisse vorzuenthalten? Die Strafen, die es in einigen Staaten der USA dafür gibt (tatsächlich immer noch??), haben ja hierzulande ziemlich häufig für Belustigung gesorgt, zurecht. Danach kommt Dein "geschlossenes System" in Form der Bockwurstdose. Herrlich! Wie ist das Mindesthaltbarkeitsdatum? Ich wette, Du mußt nicht 3 Mrd. Jahre warten, bis die Dose anfängt zu laufen! :)


Zu Teil 4, Neandertaler nun doch nicht Vorfahre des Menschen: Dies ist seit Jahren...den eine Binsenweisheit, keine neue Erkenntnis. Nur haben genetische Untersuchungen des Erbmaterials das einmal mehr gezeigt. Homo sapiens und Neandertaler sind nicht "Vater und Sohn" sondern Vettern. Das gleiche gilt auch für die Verwandtschaft zu den Affen. NIE ist wissenschaftlicherseits behauptet worden, der Mensch stamme ab vom Affen. Es gibt zig Möglichkeiten der Zeitbestimmung von Alter sowohl bei lebenden Organismen als auch bei Gesteinen. Alle ergänzen einander und werden auch angewandt. Die meisten Datierungen sind mehrfach getestet und überprüft. Vielleicht solltest Du erst einmal ein paar zusätzliche Bücher dazu selbst konsumieren, bevor Du Dich von Deinen Predigthörern dazu befragen läßt.


Zu Teil 5, Prof. Aig(n?)er: "Keine Evolution nachweisbar, sondern plötzliche Entfaltung von Leben": Viele sogenannte "Missing links" sind bereits gefunden worden. Dein folgender Text ist etwas wirr durcheinander. Mal sehen: Ich fang mal an mit der Entstehung von Fossilien: Sie brauchen recht lange dazu und ziemlich ideale Bedingungen, die über viele viele Jahre hinweg gleichmäßig herrschen müssen, nämlich Luftabschluß (wegen der Verrottung sonst) und die Möglichkeit, organische Substanz durch Mineralien ersetzen zu können (damit etwas übrigbleibt nach dem Verrotten des Organischen;  das nennt man Versteinerung oder Fossilisation). Diese idealen Voraussetzungen treffen, wie Dein "Beispiel" zeigt, Deine gefundenen und aufbewahrten Tiere aber nicht an. BEVOR Dein Nachbar unfreundlich wird, solltest Du die Kadaver eher in die Tonsedimente eines Teiches betten und beten, daß der Teich mindestens ein paar Tausend Jahre an der gleichen Stelle aushält. Dann kannst Du Dein Fossil ernten, versprochen! Dein letzter Satz zu diesem Thema stimmt allerdings: diese Voraussetzungen gibt es in der Natur von selbst nur selten, daher kann man beileibe nicht alles finden, was je gelebt hat. Das meiste ist verrottet. Aber doch halt nicht alles. Dein Flossen-und-Beine-Beispiel ist tatsächlich nicht belegt, aber die Rückwanderung ist bekannt. Tiere, die ihre Beine und Füße in Flossen umwandeln, bzw. bereits umgewandelt haben, gibt es: Robben, Seelefanten, Wale, Delphine. Teils Flossen, teils Füße kann gar nicht gehen, weil es sich um dieselben Körperteile handelt (übrigens sind danach auch die künstlerischen Engelfiguren mit Flügeln UND Armen reine Phantasie, wenn auch  durchaus ganz niedlich!)


Zu Teil 6, Hat sich ein VW Passat aus einem Audi A6 entwickelt? Das nicht. Aber: das "Urauto" war doch das, in dem die Tochter von Herrn Benz, Mercedes, ihre berühmte Ausfahrt machte. Sind nicht aus diesem Entwurf alle heute existierenden Autos entstanden? Gab es nicht vorher die Kutsche, nach der die Autos entworfen wurden? Entstehen nicht auch heute noch ständig aus den vorhandenen Entwürfen neu entworfene Fortentwicklungen? Der Ford Fiesta und Fiat 121 sind Vettern, so wie Mensch und Affe. Ganz eindeutig, nicht wahr? Auch wenn Du anderes behauptest: in Deinen Ausführungen, die zeigen, wie Klein-Fritzchen (verzeihung, Klein-Peterchen) sich die Wissenschaft vorstellt, stellst Du tatsächlich die Wissenschaftler als die letzten Idioten dar. Was Du persönlich meinst, kann mir egal sein und ist es mir auch. Aber ich finde es unverzeihlich, daß Du mit Deinem Dilletantismus in Form einer Predigt andere Menschen beeinflussen willst und wohl leider auch kannst. Dazu später noch mehr.


Zu Teil 7, Waren Menschen im Mittelalter nur 1 Meter groß?  Das Größerwerden von Lebensformen im Laufe der Zeit (Akzeleration genannt) gab es schon öfter in der Entwicklungsgeschichte, meist dann, wenn es einer Spezies materiell, d.h. hauptsächlich nahrungsmäßig, recht gut ging. Sie wurden größer. Aber das passiert nicht linear. Deshalb kann man auch nicht zurückrechnen, um festzustellen, wann sie bei Null begannen. Solch ein Versuch ist unsinnig.


Zu Teil 8, Entstand das Universum in nur sieben Tagen?  Sicher nicht. Ich halte diesen Mythos für eine Metapher, d.h. eine Weltentstehungsgeschichte, die in ihrer Ausdrucksweise den Menschen der derzeitigen (ja vor etwa 4000 Jahren) Hirtenkultur angemessen war. Sie hört sich im Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnisse sogar wesentlich realer an als die meisten Schöpfungsmythen anderer Völker. Vielleicht ist das auch der Grund, warum so viele religiöse Fundamentalisten versuchen, sie als Wissenschaftskonkurrenz zu verkaufen. Das kann sie aber nicht sein (ich denke, das war ursprünglich auch gar nicht beabsichtigt). Es gibt keine WISSENSCHAFTLICHE Schöpfungstheorie. Und schon gar nicht wäre das eine Konkurrenz zur Naturwissenschaft.


Zum letzten Teil: "Es ist sinnlos nach Antworten auf Fragen zu suchen, für die wir keine Aussicht auf Antwort haben."  Nein, das ist es nicht. Antworten zu suchen ist nie sinnlos, denn man kann nicht wissen, wo und ob man doch Antworten finden kann. Viele Antworten, die man früher nicht für denkbar hielt, sind bereits gefunden worden. Und das ist bestimmt noch nicht das Ende. Den letzten Teil Deiner Predigt möchte ich in der Kritik auslassen, dazu fällt mir wirklich nichts Sinnvolles ein.


Fazit:  Kein Mensch ist in der Lage, alles selbst nachprüfen zu können. Es gibt Menschen, die praktisch denken, aber nicht gerne Theorien wälzen; es gibt Menschen, die musisch begabt sind, aber keinen Sinn für Wissenschaft haben; es gibt Menschen, die wissenschaftlich arbeiten, aber nicht musisch sind; es gibt sogar Wunderkinder, die alles beherrschen, aber sie sind sehr selten. Ich persönlich bin musisch eine absolute Niete. Ich höre gern Musik, aber ich "verstehe" sie nicht. Ich muß mich da auf Aussagen von Kennern verlassen. Das gilt auch für andere Spezialisten. Ich vertraue deshalb auch darauf, daß Handwerker, die in meinem Haus arbeiten, ihr Bestes leisten, daß sie mich gut beraten und ordentlich arbeiten.  Das gilt aber auch anders herum, soll heißen: Nicht alle Menschen interessieren sich für oder haben einen Drang zur Naturwissenschaft, besonders dann, wenn das persönlichen Einsatz erfordert (es gibt ja auch wirklich genug anderes im täglichen Leben, das einen fordert). Aber genau hier setzt meine Kritik an: Ich muß mich als Laie (egal auf welchem Gebiet) darauf verlassen können, daß ich von den Fachleuten (oder die sich dafür halten) seriös informiert und beraten werde. Menschen, die in öffentlichen Veranstaltungen (das gilt besonders für religiöse) über bestimmte (egal welche) Themen sprechen, haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich vorher entsprechend zu informieren und das dann auch ehrlich weiterzugeben. Unseriös und sogar die reine Verarschung von Zuhörern (bitte Verzeihung für den Ausdruck!) ist es, anderen Menschen, die sich naturgemäß nicht überall auskennen können, (aber einem religiösen Sprecher vertrauen) in derartigen Veranstaltungen wider besseres Wissen falsche Tatsachen bzw. Folgerungen zu vermitteln. Das möchte ich Dir zwar nicht unterstellen, dazu kenne ich Dich zu wenig. Ich gehe daher aber dann davon aus, daß Du über Dinge gepredigt hast, von denen Du absolut keine Ahnung hast. Doch auch dann ist das nicht seriös: dann sollte man lieber den Mund halten.


Ergänzung: Wie sich seitdem gezeigt hat, hast Du nicht hinzugelernt.



©  1998 Ute Obernberger