Die Parusie Christi      

von Norbert Rohde

 Die Parusie ist bekanntlich der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Christusglaubens. Denn, wer nicht von den Toten auferstanden und folglich nicht in den Himmel aufgefahren ist, kann auch nicht von dort zurückkommen (Parusie). Was sagt denn nun die Bibel zur Parusie ?

 1)  Aussagen zur Rückkehr Jesu noch zu Lebzeiten der Apostel

 1a)  Matthäus 24, 34-36  (siehe auch Markus 13, 30)

 Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Wahrlich ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, sondern nur der Vater allein“.

Mit „dieses Geschlecht“ meinte Jesus seine Zeitgenossen. Der Tag und die Stunde des Weltunterganges und der Parusie ist noch nicht festgelegt. Die Zeitgenossen Jesu werden aber die Parusie noch erleben !

 1b)  Matthäus 10, 5-7 und 23

 Die zwölf Apostel sandte Jesus aus und gebot ihnen: „Nehmet euren Weg nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter. Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht hin und verkündet : Das Himmelreich ist nahe!.......Ihr werdet mit den Städten Israels noch nicht zu Ende sein, bis der Menschensohn kommt.“

Eine Weltmissionierung konnte von Jesus schon deshalb nicht vorgesehen gewesen sein, weil ein Menschensohn als Retter Israels erwartet wurde, dessen Kommen unmittelbar bevorstand. Folglich hatte Jesus auch kein schriftlich niedergelegtes Testament an die gesamte Menschheit hinterlassen, weil er sich nur für die Israeliten verantwortlich fühlte. Mit dem Wort Menschensohn war bei den Propheten Ezechiel und Daniel nur ein Mensch, ein besonderer Volksführer, und niemals ein Gottessohn gemeint, wie es die Bibelinterpreten behaupten !

 1c) 1 Thessalonicher 2, 17-20

 Brüder....ich, Paulus, hatte das lebhafteste und sehnsüchtigste Verlangen, euch wiederzusehen....! Denn wer ist, wenn ihr es nicht seid, unsere Hoffnung, unsere Freude, unser Ruhmeskranz vor unserem Herrn Jesus bei seiner Wiederkunft.

Seit Paulus, der ja Jesus nie kennen gelernt hatte,  wurden die Jesusworte (siehe oben) anders gedeutet. Er sah in Jesus und in dem von ihm genannten Menschensohn ein und dieselbe Person. Paulus war überzeugt , dass er und seine Gemeinde in Saloniki die Parusie des „Menschensohnes“ Jesu  miterleben würden.

1d) 1 Thessalonicher 3, 13

 Möge Gott eure Herzen stärken, dass ihr untadelig und heilig vor Gott unserem Vater dasteht, wenn unser Herr Jesus mit allen seinen Heiligen wiederkommt.

Paulus spricht in seinen Briefen immer nur die (noch) lebenden Mitglieder seiner Gemeinde an und nie die auf der ganzen Erde verstreute Menschheit, die (eventuell) die Wiederkunft des Herrn Jesus erleben soll.

 1e) 1 Thessalonicher 4, 15-18

 Wir, die Überlebenden, werden keineswegs vor dem Entschlafenen zur Wiederkunft des Herrn gelangen. Denn wenn der Befehlsruf ergeht, des Erzengels Stimme und Gottes Posaune erschallt, wird der Herr vom Himmel herniedersteigen. Dann werden die in Christus Verstorbenen zuerst auferstehen. Hierauf werden wir, die Überlebenden, zugleich mit jenen dem Herrn entgegen gehen und auf Wolken in die Luft entrückt werden. Und dann werden wir immerdar beim Herrn sein. Darum tröstet einander mit diesen Worten !

Aus diesen beschwörenden Zeilen des Paulus kann man die Zweifel und die Untröstlichkeit seiner Gemeinde herauslesen, die der Version der unmittelbar bevorstehenden Parusie ihres Herrn und Meisters Jesus nicht mehr glauben wollten. 

Das erinnert uns auch an die heutigen Selbstmordsekten, deren Propheten die unmittelbar bevorstehende Seelenreise zu einem Kometen bzw. in das Himmelreich geweissagt hatten.

Eine Reise allerdings, die sie wohl anders erlebt haben, als man es ihnen vorgegaukelt hatte.

 1f) 1 Thessalonicher 5, 20-24

 Achtet Prophetengabe nicht gering. Prüfet alles, was gut ist, behaltet. Von jeder Art Bösem haltet euch fern. Der Gott des Friedens heilige euch in vollem Maße. Möge euer Geist, eure Seele und euer Leib bei der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus völlig untadelig erhalten sein. Getreu ist, der euch berufen hat. Er wird es auch vollenden.

Paulus verweist immer wieder auf seine Prophetengabe, die man vermutlich nicht mehr ernst zu nehmen schien. Darum erinnert er seine gutgläubigen Gemeindemitglieder stets von neuem an die Parusie des Herrn, die sie mit ihrem (untadelig gebliebenen) Leib erleben werden. Seine Mahnung „Prüfet alles“ sollten sich 2000 Jahre nach der nicht eingetretenen, geweissagten Parusie die heutigen Christusgläubigen zu Herzen nehmen, um nicht wieder den jetzt lebenden Parusie-Propheten auf den Leim zu gehen !

 1g) 1 Johannes 2, Vers 18, 24 und 29

 Kinder, die letzte Stunde ist da! ......Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, dann bleibt auch ihr im Sohne und im Vater! ......Wenn er dann erscheint, haben wir frohe Zuversicht und werden bei seiner Wiederkunft vor ihm nicht zuschanden werden.

Auch Johannes spricht nur zu seiner kleinen Jesusgemeinde von der Zuversicht auf die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Jesu. Er spricht nicht an die ganze Menschheit dieser Erde und auch nicht von einer Parusie am Sankt Nimmerleinstag.

 

2) Die Wiederkunft Jesu zu einem weit späteren, noch völlig  unbekannten Zeitpunkt

 2a)  Matthäus 24, Vers 11-14

 Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Falsche Propheten werden in großer Zahl auftreten und viele irreführen........wer ausharrt bis ans Ende,  wird gerettet werden. Dieses Evangelium vom Reiche wird in der ganzen Welt verkündet werden zum Zeugnis für alle Völker. Dann erst kommt das Ende“.

Unmittelbar hinter diesen Versen schildert Jesus die Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr.), die er als warnendes Vorzeichen des unmittelbar nachfolgenden Weltuntergangs deutet. Danach folgen seine Worte, die oben wiedergegeben werden   unter 1a) Matth.24,Vers 34-36.     (Zwei widersprüchliche Zeitangaben !)

 2b)  Markus 13, Vers 10

 Jesus sprach zu seinen Jüngern : „Allen Völkern muss erst das Evangelium verkündet werden“.

Auch nach dieser Zeile wird von Markus die Zerstörung Jerusalems geschildert und als Vorzeichen des unmittelbar nachfolgenden Weltuntergangs gedeutet. (Siehe Matth.24).

 Da die Originalschriften der vier Evangelien seltsamerweise verloren gegangen sind, kann keiner mehr fest-stellen, wann die unter 2) zitierten Textpassagen bei Matthäus 24 und bei Markus 13 nachträglich eingefügt worden sind. Sie widersprechen jedenfalls den anderslautenden, unter 1) aufgeführten Aussagen, die durchweg von einer Parusie sprechen, die noch zu Lebzeiten der Apostel erfolgen sollte.............allerdings nie erfolgt ist !

Es kann mit gutem Grund angenommen werden, dass die Originalschriften der vier Evangelien im zweiten oder dritten Jahrhundert n.Chr. vorsätzlich vernichtet worden sind, weil man anhand dieser die späteren Zusätze bzw. Fälschungen hätte erkennen können. So müssen wir heute nur auf Übersetzungen zurückgreifen, die diese späteren Einfügungen bzw. Textfälschungen enthalten und ebenfalls als Gottesworte angepriesen werden..

 Um die Diskussion über diese sich widersprechenden Schriftaussagen zu beenden, hatte die Katholische Bibelkommission am 18.Juni 1915 feierlich beschlossen, alle Parusietexte nur noch im Sinne einer späteren, zeitlich nicht festgelegten Parusie auszulegen. Mit einem “kirchenamtlichen Machtwort“ wurde eine bislang zweideutige Interpretation in eine eindeutige, dem neuen Zeitgeist angepasste Interpretation umfrisiert. Der „Heilige Geist“ musste sich somit auf Wunsch Roms korrigieren lassen !!!

 Wer sich noch einen klaren Verstand erhalten hat, kann ohne Zuhilfenahme der theologischen Hermeneutik und Exegese aus allen Bibeltexten die echten von den falschen Früchten herausfiltern um klar zu erkennen, welchen falschen Propheten wir auf den Leim gegangen sind. 

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