Persönliche Daten des Gastautors:
- Chemie-Studium an der Fachhochschule
Aalen
- Ausbildung zum Diplomchemiker
Dipl.-Ing. (FH)
- seit August 1998 an der
TU München am Lehrstuhl für Technische Chemie beschäftigt
und für die Analytische Chemie im Bereich der Katalysatorforschung
zuständig.
Ich bin am 21.01.1972 geboren und beschäftige mich seit etwa meinem 15. Lebensjahr mit Naturwissenschaften. Meine Interessen liegen dabei insbesondere im Bereich der Kosmologie, der Quantenphysik und Relativitätstheorie, sowie der Synthetischen Evolutionstheorie und Theorien für die Entstehung des Lebens.
Auf meiner Homepage http://www.martin-neukamm.de/leben.html diskutiere ich die wissenschaftlichen Theorien über die Entstehung des Lebens, und gehe auf meiner Site http://www.martin-neukamm.de/neodarwin.html auf das Buch von W.-E. Lönnig: "Ist der Neodarwinismus durch biologische Tatsachen zu widerlegen?" ein.
Weyel Lehrmittelverlag. Gießen. 328 S., 360 Abb., Preis: DM 39,80
Die Erkenntnis, daß Tier- und Pflanzenarten einander ähneln und Übergänge zwischen den Organisationstypen existieren, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst und fand schon in die Gedankenwelt der alten Griechen eingang. Basierend auf den großen Vordenkern der Antike und dem Datenmaterial, das im Laufe der Zeit durch die verschiedenen Forschungsrichtungen aufgedeckt wurde, keimten schon im 18. Jahrhundert Evolutionsvorstellungen auf, weil man erkannte, daß eine große Anzahl von Beobachtungen im Lichte der Theorie von der gemeinsamen Abstammung und Entwicklung der Arten überzeugend erklärbar ist. Mit dieser Einsicht wollen sich viele bibelfeste Menschen nicht anfreunden, so daß der Evolutionstheorie bis heute ein Widerstand entgegenbrandet, der in zunehmendem Maße in ideologischen, in der Regel auf beiden Seiten sehr emotional geführten Wortgefechten gipfelt. Aus diesem Grunde hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Diskussion zu versachlichen und dem Standardmodell der Bioevolution eine wissenschaftliche Schöpfungsalternative entgegenzusetzen. Das Buch, das bereits in der fünften Auflage gedruckt wird, verfolgt genau dieses Ziel, wobei die Autoren betonen, daß es ihnen nicht um die Widerlegung der Evolutionstheorie, sondern um die sachliche Kritik am "Paradigma Makroevolution" (Höherentwicklung) sowie der Ursprungsfrage geht.
Diese Strategie wird in allen Kapiteln des Buches stringent verfolgt und mit einem enormen biologischen Hintergrundwissen unterlegt. So finden sich nach einer allgemeinen historischen und theoretischen Einführung Ausführungen über die Grundbegriffe der Evolutions- und Grundtypenbiologie. In den Kapiteln 3 und 4 wird über die Reichweite der Evolutionsfaktoren, "Makroevolution", die kausale und die chemische Evolution gesprochen, wobei unter Rekurs auf scheinbare Unstimmigkeiten und ungeklärte Fragen Zweifel an der Richtigkeit der transspezifischen Evolutionsvorstellung gestreut werden. Schließlich wird in den letzten 3 Kapiteln die historische Evolutionsforschung unter die Lupe genommen. Das Hauptanliegen der Autoren ist es dabei zu zeigen, daß Befunde nicht nur zugunsten von Evolution, sondern auch unter der Voraussetzung von Schöpfung interpretiert werden können.
Die Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie erfolgt vergleichsweise fair, womit sich das Buch angenehm von vielen zeitgenössischen Artikeln unterscheidet, die in emotivem Gestus die Widerlegung des Evolutionsgedankens proklamieren. Das heißt jedoch nicht, daß auf den Einsatz von Propagandamitteln ganz verzichtet wird. So wird der Leser gleich im ersten Kapitel mit einer fragwürdigen Einführung in die Wissenschaftstheorie konfrontiert, in der Naturwissenschaft mit der Erforschung des Beobachtbaren (also mit der erkenntnistheoretischen Richtung des "Empirismus") gleichgesetzt wird. Da transspezifische Evolution und Höherentwicklung nicht beobachtbar ist, müßte die Abstammungshypothese aus den Naturwissenschaften herausfallen, eine Implikation, auf der die Autoren strikt beharren. Der methodologische Grundirrtum, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, besteht nun darin, daß unter strikter Beachtung der eigens errichteten Wissenschaftsphilosophie kaum eine Theorie übrig bliebe, der noch das Prädikat "naturwissenschaftlich" zukäme. Denn wenn sich Naturwissenschaft nur und ausschließlich auf das unmittelbar Feststellbare beschränkten würde, dürfte sie sich auch nicht mit der Kosmologie, der Geologie oder mit Objekten, wie Atomen, Elementarteilchen und Schwarzen Löchern beschäftigen. Dabei ist es wenig hilfreich darauf zu verweisen, daß naturwissenschaftliche Theorien im Experiment geprüft werden könnten. Experimente sind nicht weniger zu interpretieren als Naturbeobachtungen in historischen Kontexten, weil natürlich auch sie unbeobachtbare Erkenntnisgegenstände zum Thema haben. Wissenschaft ist also gerade die Wissenschaft vom Unbeobachtbaren, das durch Theorienbildung erschlossen wird. Daher kann der von den Autoren unternommene Versuch, gleichsam aus der "Mausperspektive" zu argumentieren und zu behaupten, im Evolutionsexperiment sei meist der Nachweis von "Verlustmutationen" führbar, wenig überzeugen.
Eine nicht minder beliebte, gleichwohl aber ebenso unglückliche Argumentationsstrategie ist die Überbetonung offener Fragen nach den Ursachen und Entwicklungsabläufen in der Evolution, um der eigenen Überzeugung Raum zu verschaffen. Es wird hier vergessen, daß die Evolutionstheorie aus zwei Bereichen besteht, zum einen aus der Deszendenzhypothese, welche die Verwandtschaft der Lebewesen, also deren Abstammung von einer oder einigen wenigen Stammarten lehrt, sowie aus verschiedenen Kausaltheorien, welche die Wirkfaktoren und Mechanismen evolutiver Veränderung zum Thema haben. Beide Bereiche sind insofern logisch unabhängig, als beispielsweise, selbst wenn sich alle Kausaltheorien und manche Details in einigen konstruierten Stammbäumen als falsch herausstellen würden, nicht folgte, daß damit die Deszendenzhypothese falsch wäre. Daher können die Autoren aus der Feststellung, daß dieser Mechanismus oder jener Entwicklungsschritt noch nicht gelöst oder aber unzureichend zur Erklärung dieser oder jener Anpassung sei, die Abstammungshypothese nicht infragestellen, für die ja unabhängig von der Kausalfrage eine Unzahl an Belegen spricht. Kurzum: Ursachenfragen bilden nicht die Grundlage der Abstammungshypothese, die es immer wieder neu zu begründen gälte. Offene Detailfragen über den Ablauf und die Triebkräfte der Evolution sind mit anderen Worten Antrieb der wissenschaftlichen Forschung und hier keineswegs geeignet, um die transspezifische Evolutionsvorstellung infragezustellen.
Ungeachtet der methodologischen Fragwürdigkeit des Buches werden jedoch die evolutionstheoretischen Konzepte und Forschungsergebnisse im wesentlichen sachlich kompetent beschrieben. Eine Ausnahme bilden die Kapitel, welche die fossilen Übergangsformen zum Thema haben. Behauptungen wie etwa diejenige, die mosaikartige Verteilung von Merkmalen bei Lebewesen entspräche nicht den Erwartungen einer kontinuierlich verlaufenden Evolution zeigen, daß die Autoren weder die phylogenetische Systematik noch das Konzept der Artspaltung hinreichend verstanden haben. Die erhobene Forderung, die fossil überlieferten Übergangsformen müßten in allen Charakteren eine Mittelstellung zwischen den zu überbrückenden Organismengruppen einnehmen, haben schon MAYR und REMANE als unberechtigt zurückgewiesen, weil Artspaltung und die unterschiedlichen Evolutionsgeschwindigkeiten der Merkmale ja gerade den Mosaikmodus der Evolution zur Folge haben. Evolution verläuft also nicht, wie postuliert wird, über ein lückenloses Formenkontinuum, sondern weitgehend mosaikartig. Schließlich erweist sich der im Buch gebrauchte Begriff von der Übergangsform als ein Relikt aus der traditionellen Systematik, in der es noch so etwas wie große getrennte Klassen von Lebewesen (wie Ordnungen, Klassen, Stämme und dergleichen) gab, die es zu überbrücken galt. In der phylogenetischen Systematik gibt es jedoch solche hierarchischen Kategorien gar nicht mehr, sondern nur noch feinverästelte Verzweigungsschemata. Damit erweist sich auch die Grundidee einer Übergangsform (wie sie etwa die Großgruppe der "Reptilien" hin zu der Säugetier-Klasse überbrücken sollten) als nicht mehr haltbar.
Geradezu ein Paradebeispiel in der antievolutionistischen Diskussion verkörpert schließlich das Infragestellen der Entstehung von bestimmten Proteinen oder komplexen Organen aus Wahrscheinlichkeitsgründen. Die Autoren bemühen dazu als Beispiel den "Bakterienmotor" von Escherichia coli, verleihen den Strukturen eine mathematische Präzision und weisen nach, daß die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung der fraglichen Merkmale extrem klein sei. Dieses Argument erweist sich schon allein deshalb als fehlerhaft, weil sich praktisch jedes beliebige Ereignis im Nachhinein außerordentlich unwahrscheinlich machen läßt. Es wird übersehen, daß es beliebig viele Möglichkeiten gibt, um ein System, unter Berücksichtigung von Doppelfunktionen und systemtheoretischen Gesichtspunkten, selektionspositiv weiterzuentwickeln. Die geringe Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Einzelereignisses wird also durch eine immense Zahl an potentiellen Realisierungsmöglichkeiten aufgewogen, wodurch der Wahrscheinlichkeitseinwand ins Leere läuft.
Selbst wenn der geneigte Leser von den fragwürdigen fachlichen und wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten abzusehen gewillt wäre, käme er jedoch kaum umhin festzustellen, daß sich der wohl größe Irrtum im Buche in der originären Zielsetzung der Autoren niederschlägt. Die Evolutionskritik kann im Rahmen der Schöpfungsidee nur dann überhaupt einen Sinn machen, wenn die vermeintliche Fragwürdigkeit des Evolutionskonzepts in Argumente für die Schöpfungsvorstellung umgemünzt werden. Selbst wenn es aber den Autoren gelungen wäre, die Evolutionsvorstellung komplett zu widerlegen, hielten sie kein einziges Argument in Händen, das die Idee von dem "intelligenten Programmierer" evident erscheinen ließe. Anstelle der Schöpfungsalternative könnten nämlich auch andere Modelle treten, so daß man aus der Falschheit einer Theorie nicht automatisch auf die Richtigkeit einer konkurrierenden schließen darf.
Das zentrale Problem aller supernaturalistischen Theorien gründet in ihrer prinzipiellen Nichtwiderlegbarkeit durch beobachtbare Sachverhalte. Die Schöpfungstheorie kann selbst höchst gegensätzliche Beobachtungen (wie die Ähnlichkeit und die vollkommene Unähnlichkeit von Arten) gleichermaßen gut erklären. Eine Theorie die jedoch alles erklärt, erklärt nichts. Man bekommt demzufolge durch keine spezifische Beobachtung einen wirklichen Hinweis auf die Existenz eines Schöpfers. Dieses methodologische Dilemma ist der Hauptgrund für die heuristische Unfruchtbarkeit und Unwissenschaftlichkeit der Schöpfungsvorstellung. Im Gegensatz zur Evolutionsbiologie kann es den Schöpfungstheoretikern prinzipiell nicht gelingen, ihre Postulate durch Beobachtungen zu bereichern, weshalb sie auf die Destruktion der transspezifischen Evolutionsidee ausweichen müssen. Vor dem Hintergrund all des Gesagten nimmt es nicht wunder, daß Junkers und Scherers Buch weder die Evolutionstheorie überzeugend infragestellen konnte noch zur Klärung der Frage, ob denn ein Schöpfer existiert, einen profunden Beitrag hat leisten können.
Martin Neukamm, 03.04.2002
http://www.martin-neukamm.de/rezension_junker.html
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